Am Tage Aller Seelen
Schubert, Franz
Ruhn in Frieden alle Seelen,
Die vollbracht ein banges Quälen,
Die vollendet süßen Traum,
Lebenssatt, gebohren kaum,
Aus der Welt hinüber schieden;
Alle Seelen ruhn [in] Frieden!
Die sich hier Gespielen suchten,
Oefter weinten, nimmer fluchten,
Wenn vor ihrer treuen Hand
Keiner je den Druck verstand;
Alle, die von hinnen schieden,
Alle Seelen ruhn [in] Frieden!
Liebevoller Mädchen Seelen,
Deren Thränen nicht zu zählen,
Die ein falscher Freund verließ,
Und die blinde Welt verstieß;
Alle, die von hinnen schieden,
Alle Seelen ruhn [in] Frieden!
Und der Jüngling, dem verborgen,
Seine Braut am frühen Morgen,
Weil ihn Lieb' ins Grab gelegt,
Auf sein Grab die Kerze trägt;
Alle, die von hinnen schieden,
Alle Seelen ruhn [in] Frieden!
Alle Geister die, voll Klarheit,
Wurden Märtyrer der Wahrheit,
Kämpften für das Heiligthum,
Suchten nicht der Marter Ruhm;
Alle, die von hinnen schieden,
Alle Seelen ruhn [in] Frieden!
Und die nie der Sonne lachten,
Unterm Mond auf Dornen wachten,
Gott, im reinen Himmels-Licht,
Einst zu sehn von Angesicht:
Alle, die von hinnen schieden,
Alle Seelen ruhn [in] Frieden!
Und die gern im Rosen-Garten
Bey dem Freuden-Becher harrten;
Aber dann, zur bösen Zeit,
Schmeckten seine Bitterkeit;
Alle, die von hinnen schieden,
Alle Seelen ruhn [in] Frieden!
Auch, die keinen Frieden kannten,
Aber Muth und Stärke sandten
Ueber leichenvolles Feld
In die halb entschlafne Welt;
Alle, die von hinnen schieden,
Alle Seelen ruhn [in] Frieden!
Ruhn in Frieden alle Seelen,
Die vollbracht ein banges Quälen,
Die vollendet süßen Traum,
Lebenssatt, gebohren kaum,
Aus der Welt hinüber schieden:
Alle Seelen ruhn [in] Frieden!