Amphiaraos
Schubert, Franz
Vor Thebens siebenfach gähnenden Thoren
Lag im furchtbaren Brüderstreit
Das Heer der Fürsten zum Schlagen bereit,
[Im heiligen] Eide zum Morde verschworen.
Und mit des Panzers blendendem Licht
Gerüstet, als gält' es die Welt zu bekriegen,
Träumen sie jauchzend von Kämpfen und Siegen,
Nur Amphiaraos, der Herrliche, nicht.
Denn er liest in dem ewigen Kreise der Sterne,
Wen die kommenden Stunden feindlich [bedrohn].
Des Sonnenlenkers gewaltiger Sohn
Sieht klar in der Zukunft nebelnde Ferne.
Er kennt des Schicksals verderblichen Bund,
Er weiß, wie die Würfel, die eisernen, fallen,
Er sieht die [Moira] mit blutigen Krallen,
Doch die Helden [verschmähen] den [heil'gen] Mund.
Er sah des Mordes gewaltsame Thaten,
Er wußte, was ihm die Parce spann.
So ging er zum Kampf, ein verlorner Mann,
Von dem eignen Weibe schmählich verrathen.
Er war sich der himmlischen Flamme bewußt,
Die heiß die kräftige Seele durchglühte,
Der Stolze nannte sich [Apolloide],
Es schlug ihm ein göttliches Herz in der Brust.
"Wie? - ich, zu dem die Götter geredet,
Den der [Weisheit] heilige Düfte umwehn,
Ich soll in gemeiner Schlacht vergehn,
Von Periclimenos Hand getödtet?
Verderben will ich durch [eigne] Macht,
Und staunend vernehm' es die kommende Stunde,
Aus künftiger Sänger [geheiligtem] Munde,
Wie ich kühn mich gestürzt in die ewige Nacht."
Und als der blutige Kampf begonnen,
Und die Ebne [vom] Mordgeschrei wiederhallt,
So ruft er verzweifelnd: "Es naht mit Gewalt,
Was mir die [untrügliche] Parce gesponnen.
Doch wogt in der Brust mir ein göttliches Blut,
Drum will ich auch werth des Erzeugers verderben."
Und wandte die Rosse auf Leben und Sterben,
Und jagt zu des Stromes hochbrausender Fluth.
Wild schnauben die [Hengste], laut rasselt der Wagen,
Das Stampfen der Hufe [zermalmt] die Bahn.
Und schneller und schneller noch ras't es heran,
Als gält' es, die [flücht'ge] Zeit zu erjagen.
Wie wenn er die Leuchte des Himmels geraubt,
Kommt er [im] Wirbeln der Windsbraut geflogen;
Erschrocken heben die Götter der Wogen,
Aus schäumenden Fluthen das [schilfichte] Haupt.
[Doch] plötzlich, als wenn der Himmel erglüh'te,
Stürzt ein Blitz aus der heitern Luft,
Und die Erde zerreißt sich zur furchtbaren Kluft;
Da rief laut jauchzend der [Apolloide]:
"Dank dir, [Gewaltiger], fest steht mir der Bund,
Dein Blitz ist mir der Unsterblichkeit Siegel,
Ich folge dir, Zeus!" - und er faßte die Zügel,
Und jagte die Rosse hinab in den Schlund.