An den Tod

Schubert, Franz

Tod, du Schrecken der Natur!

Immer rieselt deine Uhr;

Die [geschwungne] Sense blinkt,

Gras und Halm und Blume sinkt.

[Mähe] nicht ohn' Unterschied

Dieses Blümchen, das erst blüht;

Dieses Röschen, erst [halb roth];

Sey barmherzig, lieber Tod!

Nimm den holden Knaben nicht,

Der voll Unschuld im Gesicht

Mit der Brust der Mutter spielt,

Und sein erstes Leben fühlt.

Und den Jüngling schone mir,

Der am fühlenden Klavier

Goldne Saiten wiegt und schwingt,

Und ein Lied von Liebe singt.

Sieh, dort steht ein deutscher Held

In [Kolumbens neuer] Welt,

Der des Wilden Axt nicht scheut:

Tod! [ach] friste seine Zeit!

Schon' den Dichter, dessen Kraft,

Wie sein Schöpfer, Welten schafft,

[Der] in seinem Bildungskreis

Alles fromm zu machen weiß.

Tödte nicht die junge Braut,

Schön für ihren Mann gebaut,

Die, wie Sulamit gestimmt,

Liebe giebt, und Liebe nimmt.

Nicht den Frommen in dem Land,

Dessen [hochgefaltne] Hand,

Betend Gottes Himmel stützt,

Wenn er Rache niederblitzt.

[Auch] den Sünder tödte nicht;

[Schreck] ihn nur mit dem Gericht,

Daß er bang zusammenfährt,

Busse weint und sich bekehrt.

In der Fürsten [goldnem] Saal,

Lieber Tod, bist du zur Qual;

Schone sie, bis sie vom Wind

Eitler Größ' gesättigt sind.

Keinen Reichen tödte du;

Den Gesunden laß in Ruh!

Triffst du gute [Leute] an,

So verlängre ihre Bahn.

Aber mußt du tödten, Tod!

Ach! so thu's, wo dir die Noth

Aus [zerfreßnen Augen] winkt,

Und in Staub des Kerkers sinkt.

Wo mit jedem Morgen: Tod!

Wo mit jedem Abend: Tod!

Tod! um Mitternacht erschallt,

Daß die Schauerzelle hallt.

Tod, wann kommst du? Meine Lust!

Ziehst den Dolch aus meiner Brust;

Streifst die [Fessel] von der Hand,

Ach! wann deckst du mich mit Sand?

Diese [Todtenstimme] rufft

Aus so mancher Kerkergruft,

Wo der Gram verzweiflungsvoll

Ohne Hoffnung schmachten soll.

[Drum], o Tod! [wenn dirs] gefällt,

[Hol] Gefangne aus der Welt;

Komm, vollende [ihre] Noth;

Sey barmherzig, lieber Tod!