An die Freude

Franz Peter Schubert

Freude, schöner Götterfunken,

Tochter aus Elisium,

Wir betreten feuertrunken

Himmlische,

dein Heiligthum.

Deine Zauber binden wieder,

Was [die Mode streng getheilt;

Alle Menschen werden Brüder]

Wo dein sanfter Flügel

weilt.

Chor.

Seid umschlungen

Millionen!

Diesen Kuß der ganzen Welt!

Brüder - überm Sternenzelt

Muß ein lieber

Vater wohnen.

Wem der große Wurf gelungen,

Eines Freundes Freund zu seyn,

Wer ein holdes Weib errungen,

Mische seinen Jubel ein!

Ja - wer auch nur eine Seele

Sein nennt auf dem Erdenrund!

Und wer's nie gekonnt, der stehle

Weinend sich aus diesem Bund!

Chor.

Was den großen Ring bewohnet

Huldige der Simpathie!

Zu den Sternen leitet

sie,

Wo der Unbekannte thronet.

Freude trinken alle Wesen

An der Brüsten der Natur,

Alle Guten, alle Bösen

Folgen ihrer Rosenspur.

Küße gab sie uns und Reben,

Einen Freund, geprüft im Tod,

Wollust ward dem Wurm gegeben,

Und der Cherub steht vor Gott.

Chor.

Ihr stürzt nieder, Millionen?

Ahndest du den Schöpfer, Welt?

Such ihn überm Sternenzelt,

Ueber Sternen muß er wohnen.

Freude heißt die starke Feder

In der ewigen Natur.

Freude, Freude treibt die Räder

In der großen Weltenuhr.

Blumen lockt sie aus den Keimen,

Sonnen aus dem Firmament,

Sphären rollt

sie in den Räumen,

Die des Sehers Rohr nicht kennt.

Chor.

Froh, wie seine Sonnen fliegen,

Durch des Himmels prächt'gen Plan,

Laufet Brüder eure Bahn,

Freudig wie ein Held zum siegen.

Aus der Wahrheit Feuerspiegel

Lächelt sie den Forscher an.

Zu der Tugend steilem

Hügel

Leitet sie des Dulders Bahn.

Auf des Glaubens Sonnenberge

Sieht man ihre Fahnen

wehn,

Durch den Riß gesprengter

Särge

Sie im Chor der Engel stehn.

Chor.

Duldet muthig Millionen!

Duldet für die bess're Welt!

Droben überm Sternenzelt

Wird ein großer Gott belohnen.

Göttern kann man nicht vergelten,

Schön ist's ihnen gleich zu seyn.

Gram und Armuth soll sich melden,

Mit den Frohen sich erfreun.

Groll und Rache sey vergessen,

Unserm Todfeind sey verziehn.

Keine Thräne soll ihn pressen,

Keine Reue nage ihn.

Chor.

Unser Schuldbuch sey vernichtet!

Ausgesöhnt die ganze Welt!

Brüder - überm Sternenzelt

Richtet Gott, wie wir gerichtet.

Freude sprudelt in Pokalen,

In der Traube goldnem Blut

Trinken Sanftmuth Kannibalen,

Die Verzweiflung Heldenmuth - -

Brüder fliegt von euren Sitzen,

Wenn der volle Römer kreist,

Laßt den Schaum zum Himmel spritzen:

Dieses Glas dem guten Geist!

Chor.

Den der Sterne Wirbel loben,

Den des Seraphs Hymne preist,

Dieses Glas dem guten Geist

Ueberm Sternenzelt dort oben!

Festen Muth in schwerem

Leiden,

Hülfe, wo die Unschuld weint,

Ewigkeit geschwor'nen Eiden,

Wahrheit gegen Freund und Feind,

Männerstolz vor Königsthronen, -

Brüder, gält es Gut und Blut -

Dem Verdienste seine Kronen,

Untergang der Lügenbrut!

Chor.

Schließt den heil'gen Zirkel dichter,

Schwört bei diesem goldnen Wein;

Dem Gelübde treu zu seyn,

Schwört es bei dem Sternenrichter!