An die Harmonie

Schubert, Franz

Schöpferinn beseelter Töne!

Nachklang dem Olymp enthallt!

Holde, körperlose Schöne,

Sanfte geistige Gewalt,

Die das Herz der Erdensöhne

Kühn erhebt, und mild umwallt!

Die in inn'rer Stürme Drange

Labt mit stillender Magie,

Komm mit deinem Sühngesange,

Himmelstochter, Harmonie!

Seufzer, die das Herz erstickte,

Das, mißkannt, sich endlich schloß -

Thränen, die das Aug' zerdrückte,

Das einst viel' umsonst vergoß,

Dankt dir wieder der Entzückte,

Den dein Labequell umfloß.

Der Empfindung zarte Blume,

Die manch frost'ger Blick versengt,

Blüht erquickt im Heiligthume

Einer Brust, die du getränkt.

Des Vergangnen Traumgebilde,

Amors Morgen-Fantasien,

Heißt dein Ruf, so still wie milde

[Mondesschatten], uns umziehn;

Auf des Lebens Herbstgefilde

Längst verwelkte Veilchen blühn.

Süßer Täuschung Zauberblüthe,

Die Erfahrung knickt und rafft,

Weckt im ödesten Gemüthe

Deines Wohllauts Schöpfungskraft.

Holder, nun ein süßes Wähnen,

Kehrt das Bild verfloss'ner Zeit;

Zarter strebt der Liebe Sehnen,

Milder glüht die Innigkeit,

Wenn dein Chor den Trauer-Scenen

Höhern Trost und Anmuth leiht;

Gibt, wo Worte nichts vermögen,

Labsal dem zerstörten Geist;

Der Ergebung stillen Segen,

Wo die Thrän' erschöpfend fleußt.

Hefte auf die lichtern Stellen

Unsrer Bahn der Schwermuth Blick;

Trag' den Geist auf Wohllautswellen

In ein Friedensland zurück.

Solch ein Leben zu erhellen

Braucht man Täuschung und Musik!

Wo der Sturm des Zeitenganges

Meist der Bessern Plan zerreißt,

Träufl' im Balsam des Gesanges

Hoffnung in der Edlen Geist.

Komm, Momente zu verschönen,

Dem, der nicht der Zukunft traut;

Schleuß den Blick mit Schlummertönen,

Der zu starr ins Dunkel schaut;

Wie den Säugling beym Entwöhnen

Eines Wiegenliedes Laut,

Lull' auch uns in goldne Träume

Einer bessern, innern Welt,

Bis ein sanftres Licht die Räume

Unsres Kerkers still erhellt.

Engel! den zum Seelenkranken

Sanftes Mitleid niederträgt;

Der erquickende Gedanken

In der Töne Hülle legt;

Lindernd, statt der [Dornenranken],

Seinen Fittig um ihn schlägt;

Dem kein Erdentrost geblieben,

Seiner stummen Schwermuth treu -

Lehr' ihn weinen, lehr' ihn lieben,

Und sein Leben blüht ihm neu.

Gabe, Sterblichen verliehen,

Zart Gefühltes, scheu verhehlt,

Zu vertraun an Melodieen -

Süße Macht, die nie verfehlt,

Seel' an Seele hinzuziehen;

Was beseligt, was uns quält,

Was mit Worten auszudrücken

Keiner Sprache Kraft gelang -

Sehnsucht, Schauer und Entzücken

Zu ergießen im Gesang.

Stimm' aus jenen lichtern Sphären,

Sprach' aus Psyche's Vaterland,

Mit des Heimelns süßen Zähren

Hier im fremden Thal erkannt -

Ach! sie fühlt noch ihr Begehren,

Höhern Zonen zugewandt;

Kennt die Sprache, mehr als Worte,

Und vernimmt der Seelen Ton;

Wähnt sich an des Himmels Pforte,

Der Verbannung Kluft entflohn.

Tön' in leisen Sterbe-Chören

Durch des Todes Nacht uns vor!

Bey des äußern Sinns Zerstören

Weile in des Geistes Ohr!

Die der Erde nicht gehören,

Heb' mit Schwanensang empor!

Löse sanft des Lebens Bande,

Mildre Kampf und Agonie,

Und empfang' im Seelenlande

Uns, o [Seraph, Harmonie]!