Das Bild
Schubert, Franz
Ein Mädchen ist's, das früh und spät
Mir vor der Seele schwebet,
Ein Mädchen, wie es steht und geht,
Aus Himmelsreiz gewebet.
Ich seh's, wenn in mein Fenster mild
Der junge Morgen blinket;
Ich seh's, wenn, lieblich wie das Bild,
Der Abendstern mir winket.
Mir folgt's, ein treuer Weggenoß
Zur Ruh' und ins Getümmel:
Ich fänd' es in der Erde Schooß;
Ich fänd' es selbst im Himmel.
Es schwebt vor mir in Feld und Wald,
Prangt über'm Blumenbeete,
Und glänzt in Seraphimsgestalt
Am Altar, wo ich bete.
Ergötzt mein Aug', o Himmel, sich
So oft an deiner Bläue;
So ist's, weil ich der Gleichheit mich
Mit ihrem Auge freue.
Auch du, o Ros', erhieltest nicht,
Daß ich so gern dich pflückte,
Wenn nicht der Huldinn Angesicht
Ein gleicher Purpur schmückte.
Ich horch' auf ihre Stimme nur
Beym Lied der Nachtigallen;
Seh' im Gewühl der Aehrenflur
Nur ihrer Locken Wallen;
Empfind' im Hauch der Morgenluft
Die Ruh' nur, die sie lächelt,
Und in der Nelke Balsamduft,
Wie süß ihr Odem fächelt.
Wenn ich auf jungbegraster Hut
Die frommen Lämmchen zähle:
Nicht minder, denk' ich, sanft und gut
Ist auch des Mädchens Seele!
Und seh' ich Täubchen, zwey und zwey,
Der Liebe froh genießen;
Ach! seufzt mein Herz, gleich warm und treu
Würd' ihre Lippe küßen.
Dann fühl' ich, daß von süßem Schmerz,
Ich durch und durch erwarme:
Mich dünkt, ich drücke sie an's Herz
Und halte sie im Arme!
Laut sagen mir dann Frost und Glut,
Die schauernd mich durchzücken,
Laut sagt mir jeder Tropfe Blut:
Dich kann nur Sie beglücken!
Allein das Bild, das spät und früh
Mir vor der Seele schwebet,
Ist's nur Geschöpf der Phantasie,
Aus Luft und Traum gewebet?
O nein! so warm auch Liebe mir
Das Engelbildniß mahlet;
Ist's doch nur Schatten von der Zier,
Die an dem [Urbild] strahlet.
An einem nur, an Fühlbarkeit,
Wird dieses übertroffen:
Wenn jenes Herz und Hand mir weiht,
Läßt kaum das Urbild - hoffen!
O Mädchen, lerne von dem Bild
Den süßesten der Triebe:
Sey wie dein Bildniß hold und mild,
Und lächle, lächle - Liebe!