Das Lied vom Reifen

Schubert, Franz

Seht meine lieben Bäume an,

Wie sie so herrlich stehn,

Auf allen Zweigen angethan

Mit Reiffen wunderschön!

Von unten an bis oben 'naus,

Auf allen Zweigelein,

Hängts weis und zierlich, zart und kraus,

Und kann nicht schöner seyn;

Und alle Bäume rund umher,

All' alle weit und breit,

Stehn da, geschmückt mit gleicher Ehr,

In gleicher Herrlichkeit.

Und sie beäugeln und besehn

Kann jeder Bauersmann,

Kann hin und her darunter gehn,

Und freuen sich daran.

Auch holt er Weib und Kinderlein

Vom kleinen Feuerheerd,

Und Marsch mit in den Wald hinein!

Und das ist wohl was werth.

Einfältiger

Natur-Genuß,

Ohn' Alfanz drum und dran,

Ist

lieblich

, wie ein Liebeskuß

Von einem frommen Mann.

Ihr Städter habt viel schönes Ding,

Viel Schönes überall,

Credit und Geld und golden Ring,

Und Bank und Börsensaal;

Doch Erle, Eiche, Weid' und Ficht'

Im Reiffen nah und fern -

So gut wirds Euch nun einmal nicht,

Ihr lieben reichen Herr'n!

Das hat Natur, nach ihrer Art

Gar

eignen

Gang zu gehn,

Uns Bauersleuten aufgespart,

Die anders nichts verstehn.

Viel schön, viel schön ist unser Wald!

Dort Nebel überall,

Hier eine weiße Baumgestalt

Im vollen Sonnenstrahl

Lichthell, still, edel, rein und frey,

Und über alles fein! -

O aller Menschen Seele sey

So lichthell und so rein!

Wir sehn das an, und denken noch

Einfältiglich dabey:

Woher der Reif, und wie er doch

Zu Stande kommen sey?

Denn gestern Abend, Zweiglein rein!

Kein Reiffen in der That! -

Muß einer doch gewesen seyn,

Der ihn gestreuet hat!

Ein Engel Gottes geht bey Nacht,

Streut heimlich hier und dort,

Und wenn der Bauersmann erwacht,

Ist er schon wieder fort.

Du Engel, der so gütig ist,

Wir sagen Dank und Preis.

O mach' uns doch zum heil'gen Christ

Die Bäume wieder weis!