Der Knabe in der Wiege

Schubert, Franz

Er schläft so süß, der Mutter Blicke hangen

An ihres Lieblings leisem Athemzug,

Den sie mit stillem sehnsuchtsvollen Bangen

So lange unterm Herzen trug.

Sie sieht so froh die vollen Wangen glühen

In gelbe Ringellocken halb versteckt,

Und will das Ärmchen sanft herunterziehen,

Das sich im Schlummer ausgestreckt.

Und leis' und leiser schaukelt sie die Wiege

Und singt den kleinen Schläfer leis' in Ruh;

Ein Lächeln spielet um die holden Züge,

Doch bleibt das Auge friedlich zu.

Erwachst du Kleiner, o so lächle wieder,

Und schau ihr hell ins Mutterangesicht:

So lauter Liebe schaut es auf Dich nieder,

Noch kennest du die Liebe nicht.

Bald aber lernst du sie aus ihren Blicken,

Aus ihrem Herzen, wenn es sanft bewegt

Von mütterlichem volleren Entzücken

An deinem kleinen Herzen schlägt.

Und lernest Sprache zu des Herzens Triebe,

Zuerst mit Stammeln nur den Mutterlaut,

Und bald noch manches süße Wort der Liebe,

Und wirst den deinen so vertraut.

Und lernst den theuren Vater auch erkennen,

Und eilst ihm zu von deiner Mutter Brust,

Und lernst die Dinge scheiden und benennen,

Und fühlst des Denkens neue Lust.

Und lernest beten aus der Mutter Munde

Nach ihres Herzens kindlich frommem Sinn,

Es weiset dir in stiller Abendstunde

Der Vater nach den Sternen hin;

Dort, wo der Vater aller Menschen wohnet,

Der dich, und alle seine Kinder liebt,

Der alles Gute väterlich belohnet,

Und jedem seine Freude gibt.

Da wandelst du so rein und froh auf Erden,

Dein Herz so gläubig und so gut und weich!

So bleibe, Holder, willst du glücklich werden,

Denn solcher ist das Himmelreich.