Der Liedler

Schubert, Franz

"Gib, Schwester, mir die Harf' herab,

Gib mir Biret und Wanderstab,

Kann hier nicht fürder weilen!

Bin ahnenlos, bin nur ein Knecht,

Bin für die edle Maid zu schlecht,

Muß stracks von hinnen eilen!

"Still, Schwester, bist Gottlob! nun Braut,

Wirst morgen Wilhelm angetraut,

Soll mich nichts weiter halten!

Nun küße mich, Leb, Trude, wohl!

Dieß Herze, [Schmerz und Liebe voll],

Laß Gott den Herrn bewalten!"

- Der Liedler zog durch manches Land,

Am alten [Rhein, am] Donaustrand,

Wohl über Berg' und Flüsse!

Wie weit er flieht, wohin er zieht,

Er trägt den Wurm im Herzen mit,

Und singt nur Sie, die Süße!

Und er's nicht länger tragen kann!

Thät sich mit Schwert und Panzer an,

Den Tod sich zu erstreiten:

Im Tod ist Ruh! im Grab ist Ruh'!

Das Grab deckt Herz und Wünsche zu;

Ein Grab will er erreiten!

- Der Tod ihn floh, und Ruh ihn floh;

Des Herzogs Panner flattert froh

Der Heimath Gruß entgegen;

Entgegen wallt, entgegen schallt

Der Freunde Gruß durch Saat und Wald,

Auf allen Weg' und Stegen.

Da ward ihm unterm Panzer weh,

Im Frühroth glüht der ferne Schnee

Der heimischen Gebirge;

Ihm war, als zög's mit Hünenkraft

Dahin sein Herz, der Brust entrafft,

Als ob's ihn hier erwürge!

Da [mocht'] er's fürder nicht besteh'n!

"Muß meine Heimath wiederseh'n,

Muß Sie noch einmahl schauen!"

Die mit der Minne Rosenhand

[Sein] Herz an jene Berge band,

Die herrlichen, die blauen!

Da warf er Wehr und Waffe weg,

Sein Rüstzeug weg in's Dorngeheg',

Die liederreichen Saiten,

Die Harfe nur, der Süßen Ruhm,

Sein Klagepsalm, sein Heiligthum,

Soll ihn zurück begleiten.

Und als der Winter trat in's Land,

Der Frost im Lauf die Ströme band,

Betrat er seine Berge;

Da lag's ein Leichentuch von Eis,

Lag's vorn' und neben todtenweiß,

Wie tausend Hünen-Särge!

Lag's unter ihm, sein Mutterthal,

Das gräflich Schloß im Abendstrahl,

[Die Süße] d'rinn geborgen!

Glück auf, der Alpe Pilgerruh

Winkt heute Ruh dir Ärmster zu,

Zur Veste, Liedler morgen!

"Ich hab nicht Rast, ich hab nicht Ruh,

Muß heute noch der Feste zu,

Wo Milla d'rin geborgen!"

Bist [starr und] blaß! "Bin todtenkrank,

Heut ist noch mein! Todt, Gott sey Dank,

Todt find't mich wohl der Morgen!"

Horch Maulgetrab', horch Schellenklang

Vom Schloß herab, der Alp' entlang

Zog's unter Fackelhelle;

Ein Ritter führt, ihm angetraut,

Führt Milla heim als seine Braut:

Bist Liedler schon zur Stelle!

Der Liedler schaut' und sank in sich;

Da bricht und schnaubet wüthiglich

Ein Wehrwolf durch's Gehäge,

Die Maule flieh'n, kein [Zaum] sie zwingt,

Der Schecke stürzt, weh! Milla sinkt

Ohnmächtig hin im Wege. -

Da riß er sich, ein Blitz, empor

Zum Hort der Heißgeminnten vor!

Hoch auf des Unthiers Nacken

Schwang er sein theures Harfenspiel,

Daß es zersplittert niederfiel,

Und Nick und Rachen knacken.

Und wenn er [stark, denn] Simson wär,

Erschöpft mag er und sonder Wehr

Den Grimmen nicht bestehen!

Vom Busen, vom zerfleischten Arm,

Quillt's Herzblut nieder, liebewarm,

Schier denkt er zu vergehen.

Ein Blick auf Sie! und alle Kraft

Mit einmahl er zusammenrafft,

Die noch verborgen schliefe,

Ringt um den Wehrwolf Arm und Hand,

Und stürzt sich von der Felsenwand

Mit ihm in schwindle Tiefe. -

Fahr, Liedler, [wohl!] auf ewig wohl!

Dein Herze, [Schmerz und Liebe voll],

Hat Ruh im [Grabe funden!]

Das Grab ist aller Pilger Ruh,

Das Grab deckt [alle Wunden] zu,

Macht alles Leids gesunden!