Der Tod Oscars

Schubert, Franz

Warum öfnest du wieder, Erzeugter von Alpin,

die Quelle meiner Wehmuth,

da du mich fragst, wie Oscar erlag?

Meine Augen sind von Thränen erblindet.

Aber Erinnerung strahlt [an] meinem Herzen.

Wie [kann] ich den traurigen [Tod]

des Führers der Krieger erzählen!

Führer der Helden, o Oscar, mein Sohn,

soll ich dich [nicht mehr] erblicken!

er fiel, wie der Mond in einem Sturm,

wie die Sonne in der Mitte ihres Laufs;

wenn Wolken vom Schoose der Wogen sich heben;

wenn das Dunkel des Sturms

[Ardanniders] Felsen einhüllt.

Wie eine alte Eiche von Morven,

[vermodre ich einsam auf] meiner Stelle.

Der Windstoß hat mir die Aeste entrissen;

mich schrecken die Flügel des Nords.

Führer der Helden, o Oscar, mein Sohn,

soll ich dich [nicht mehr] erblicken!

Der Held, o Alpins Erzeugter, fiel nicht friedlich,

wie Graß auf dem Feld,

der Mächtigen Blut [befärbte] sein Schwert,

[er riß sich, mit Tod, durch die Reihen ihres Stolzes],

aber Oscar Erzeugter von Caruth,

du bist unrühmlich gefallen!

deine Rechte erschlug keinen Feind.

Deinen Speer befleckte das Blut deines Freunds.

Eins war Dermid, und Oscar:

sie mähten die [Schlacht] zusammen.

Ihre Freundschaft war [stark], wie ihr Eisen;

und im Felde wandelte [Tod] zwischen ihnen.

Sie fuhren gegen den Feind, wie zwey Felsen,

die von Ardvens Stirne sich stürzen.

Mit dem Blute des Tapfern waren ihre Schwerter befärbt:

Krieger [bebten] bey [ihrem] Namen.

Wer glich Oscarn, als Dermid?

und wer Dermid, als Oscar!

Sie erlegten den mächtigen Dargo im Feld,

Dargo, der nie [von Kriegen] entfloh.

Seine Tochter war schön, wie der Morgen;

sanft, wie der Strahl des Abends.

Ihre Augen glichen [zween] Sternen im Regen:

ihr Athem dem Hauche des Frühlings.

Ihr Busen, wie [neu gefallener] Schnee,

der auf der wiegenden Heyde sich wälzt.

Sie ward von den Helden gesehn, und geliebt;

[ihre Seelen wurden ans Mädchen geheftet].

Jeder liebte sie, gleich seinem Ruhm;

sie wollte jeder besitzen, oder sterben.

Aber [ihre Seele] wählte Oscarn;

Caruths Erzeugter war der Jüngling ihrer Liebe.

Sie vergaß das Blut ihres Vaters.

Und liebte die Rechte, die ihn erschlug.

"Caruths Sohn," sprach Dermid,

"Ich liebe, o Oscar! ich liebe dies Mädchen.

Aber ihre Seele hängt an dir;

und nichts kann Dermiden heilen.

Hier [durchdring] diesen Busen, o Oscar;

hilf deinem Freund mit deinem Schwert."

"Nie soll mein Schwert, Diarans Sohn!

nie soll es mit Dermids Blute befleckt seyn."

"Wer ist dann würdig mich zu [erlegen],

o Oscar, Caruths Sohn!

laß nicht mein Leben unrühmlich vergehen,

laß niemand, als Oscar, mich tödten.

Schick mich mit Ehre zum Grab,

und Ruhm begleite meinen Tod."

"Dermid brauch deine [Klinge];

Diarans Erzeugter schwing deinen Stahl.

O fiel ich mit dir!

daß mein Tod von Dermids [Rechte herrühre]!"

sie fochten beym Bache des Bergs,

bey Brannos Strom.

Blut färbte die [fliessenden] Fluten,

und [ronn] um die bemoosten Steine.

Dermid der stattliche fiel,

er fiel, und lächelte im Tod!

"Und fällst du, Erzeugter Diarans,

fällst du durch die Rechte [von Oscar]!

Dermid, der nie im Kriege gewichen,

seh ich dich also erliegen?" -

er gieng, und kehrte zum Mädchen seiner Liebe.

Er kehrte, aber sie vernahm seinen Jammer.

Warum dies Dunkel, Sohn von Caruth!

was überschattet deine mächtige Seele?

Einst war ich, o Mädchen, im Bogen berühmt,

aber meinen Ruhm hab ich itzo verloren.

Am Baum, beym Bache des Hügels,

hängt der Schild des muthigen Gormurs,

Gormurs, den ich im Kampfe erschlug.

Ich [hab] den Tag vergebens [verzehrt],

und konnte ihn nicht mit meinem Pfeil durchdringen.

Laß mich, Erzeugter von Caruth,

die Kunst der Tochter von Dargo versuchen.

Meine Rechte lernte den Bogen zu spannen,

in meiner Kunst frohlockte mein Vater.

Sie gieng, er stand hinter dem Schild.

Es zischte ihr Pfeil, er durchdrang seine Brust.

Heil der schneeweißen Rechten;

auch Heil diesem eibenen Bogen;

wer, als Dargos Tochter war werth,

Caruths Erzeugten zu tödten?

Leg mich ins Grab, [meine Schönste;]

leg mich an Dermids Seite.

Oscar, versetzte das Mädchen,

meine Seel' ist die Seele des mächtigen Dargo.

Ich kann dem Tode mit Freude begegnen.

Ich kann meine [Traurigkeit] enden. -

Sie durchstieß ihren weißen Busen mit Stahl.

Sie [fiel], bebte, und starb!

Ihre Gräber liegen beym Bache des Hügels;

ihr Grabmal bedeckt der [ungleiche] Schatten einer Birke.

Oft grasen die [astigten] Söhne des Bergs

an ihren grünenden Gräbern.

Wenn der Mittag seine glühenden Flammen ausstreut,

und [Schweigen alle] die Hügel beherrscht.