Die gefangenen Sänger
Schubert, Franz
Hörst du von den Nachtigallen
Die Gebüsche wiederhallen?
Sieh, es kam der holde Mai.
Jedes buhlt um seine Traute,
Schmelzend sagen alle Laute,
Welche Wonn' im Lieben sey.
Andre, die im Käfig leben,
Hinter ihren Gitterstäben,
Hören draußen den Gesang;
Möchten in die Freyheit eilen,
Frühlingslust und Liebe theilen:
Ach! da hemmt sie enger Zwang.
Und es drängt sich in die Kehle
Aus der gramzerrißnen Seele
Schmetternd ihres Lieds Gewalt,
Wo es, statt im Wehn der Haine
Mitzuwallen, von der Steine
Hartem Bau zurücke prallt.
So, im Erdenthal gefangen,
Hört des Menschen Geist mit Bangen
Hoher Brüder Harmonie;
Strebt umsonst zu Himmelsheitern
Dieses Daseyn zu erweitern,
Und das nennt er Poesie.
Aber scheint er ihre Rhythmen
Jubelhymnen auch zu widmen,
Wie aus lebenstrunkner Brust:
Dennoch fühlen's zarte Herzen,
Aus der Wurzel tiefer Schmerzen
Stammt die Blüthe seiner Lust.