Die Herbstnacht

Schubert, Franz

Mit leisen Harfentönen

Sey, Wehmuth, mir gegrüßt!

O Nymphe, die der Thränen

Geweihten Quell verschließt!

Mich weht an deiner Schwelle

Ein linder Schauer an,

Und deines Zwielichts Helle

Glimmt [auf] des Schicksals Bahn.

Du, so die Freude weinen,

Die Schwermuth lächeln heißt,

Kannst Wonn' und Schmerz vereinen,

Daß Harm in Lust verfleußt;

Du hellst bewölkte Lüfte

Mit Abendsonnenschein,

Hängst Lampen in die Grüfte

Und krönst den Leichenstein.

Du nahst, wenn schon die Klage

Den Busen sanfter dehnt,

Der Gram an Sarkophage

Die müden Schläfe lehnt;

[Wenn] die Geduld gelassen

Sich an die Hoffnung schmiegt,

Der Zähren Thau im nassen,

Schmerzlosen Blick versiegt.

Du, die auf Blumenleichen

Des Tiefsinns Wimper senkt,

Bey blätterlosen Sträuchen

Der Blüthenzeit gedenkt;

In Florens bunte Kronen

Ein dunkles Veilchen webt,

Und still, mit Alcyonen,

Um Schiffbruchstrümmer schwebt.

O du, die sich so gerne

Zurück zur Kindheit träumt,

Selbst ihr Gewölk von Ferne

Mit Sonnengold besäumt:

Was uns Erinn'rung schildert

Mit [stillem Glanz] verbrämt,

Der Trennung Qualen mildert,

Und die Verzweiflung zähmt.

Der Leidenschaften Horden,

Der Sorgen Rabenzug,

Entfliehn vor den Accorden,

Die deine Harfe schlug;

Du zauberst Alpensöhnen,

Verbannt auf Flanderns Moor,

Mit Sennenreigen-Tönen

Der Heimath Bilder vor.

In deinen Schattenhallen

Weihst du die Sänger ein;

Lehrst junge Nachtigallen

Die Trauer-Melodey'n;

Du neigst, wo Gräber grünen,

Dein Ohr zu Hölty's Ton;

Pflückst Moos von Burgruinen

Mit meinem Matthisson.

Rühr' unter Thränenweiden

Noch oft mein Saitenspiel;

Verschmilz' auch Gram und Leiden

In süßes Nachgefühl;

Gib Stärkung dem Erweichten!

Heb' aus dem Trauerflor,

Wenn Gottes Sterne leuchten,

Den Andachtsblick empor!