Greisengesang
Schubert, Franz
Der Frost hat mir bereifet
Des Hauses Dach;
Doch warm ist mir's geblieben
Im Wohngemach.
Der Winter hat die Scheitel
Mir weiß gedeckt.
Doch fließt das Blut, das rothe,
Durch's Herzgemach.
Der Jugendflor der Wangen,
Die Rosen sind
Gegangen, all' gegangen
Einander nach.
Wo sind sie hingegangen?
In's Herz hinab.
Da blühn sie nach Verlangen,
Wie vor so nach.
Sind alle Freudenströme
Der Welt versiegt?
Noch fließt mir durch den Busen
Ein stiller Bach.
Sind alle Nachtigallen
Der Flur verstummt?
Noch ist bei mir im Stillen
Hier eine wach.
Sie singet: Herr des Hauses!
Verschleuß dein Thor,
Daß nicht die Welt, die kalte,
Dring in's Gemach.
Schleuß aus den rauhen Odem
Der Wirklichkeit,
Und nur dem Duft der Träume
Gib Dach und Fach.
Ich habe Wein und Rosen
In jedem Lied,
Und habe solcher Lieder
Noch tausendfach.
Vom Abend bis zum Morgen
Und Nächte durch
Will ich dir singen Jugend
Und Liebesach.