Kaiser Maximilian auf der Martinswand in Tyrol, 1490

Schubert, Franz

"Hinauf! hinauf!

In Sprung und Lauf!

Wo die Luft so leicht, wo die Sonne so klar,

Nur die Gemse springt, nur horstet der Aar;

Wo das Menschengewühl zu Füßen mir rollt,

Wo das Donnergebrüll tief unten grollt:

Das ist der Ort, wo die Majestät

Sich herrlich den Herrscherthron erhöht!

Die steile Bahn

Hinan! hinan!

Dort pfeifet die Gemse! Ha springe nur vor;

Nachsetzt der Jäger, und fliegt empor!

"Gähnt auch die Kluft

Schwarz wie die Gruft;

Nur hinüber, hinüber im leichten Schwung!

Wer setzet mir nach? 'S war ein Kaiser-Sprung!

Klimm Gemse nur auf die Felsenwand!

In die luftige Höh, an des Abgrunds Rand,

Mach ich mit Eisen mir doch die Bahn.

Nur muthig hinauf, und muthig hinan!

Jetzt ohne Rast

Den Strauch erfaßt!

Wenn tückisch der Zweig vom Gesteine läßt,

So hält mich im Fall die Klippe noch fest."

Der Stein nicht hält,

Der Kaiser fällt

In die Tiefen hinab zwey Klafter lang;

Da ward Herrn Maxen doch gleichsam bang.

Ein Felsen hervor ein wenig ragt,

Das nennet er Glück - Gott sey's geklagt!

Einbrachen die Kniee, doch blieb er steh'n,

Und taumelt sich aus; da mußt er nun seh'n:

Hier half kein Sprung

Kein Adlerschwung;

Denn unter ihm senkt sich die Martinswand:

Der steileste Felsen im ganzen Land.

Er starrt hinab

In's Wolkengrab,

Und starrt hinauf in's Wolkenmeer,

Und schaut zurück und schaut umher.

Da zeigt sich kein Fleck zum Sprung handbreit,

Kein Strauch, der den Zweig dem Klimmer beut,

Aus hartem Felsen wölbt sich ein Loch

Schroff hinter ihm, wie ein Dom so hoch!

Der Kaiser ruft

In taube Luft:

"Ey doch wie hat mich die Gemse verführt!

Kein Weg zu den Lebenden niederführt."

[Er war's gewillt,

Es ist erfüllt!]

Wo die Luft so leicht, wo die Sonne so klar,

Wo die Gemse nur springt, nur horstet der Aar,

Wo das Menschengewühl zu Füßen ihm rollt;

Wo das Donnergebrüll tief unten grollt;

Da steht des Kaisers Majestät,

Doch nicht zur Wonne hoch erhöht.

Ein Jammersohn

Auf luft'gem Thron,

Findet sich Max nun plötzlich allein,

Und fühlt sich schaudernd, verlassen und klein.

Im Thalesgrund

Ein Hirte stund,

Und sieht auf der Platte sich's regen,

Und bücken und heben und schreitend bewegen.

"Den bannt wohl hinauf des Satans Gewalt?

Das ist bey Gott eine Menschengestalt!"

So ruft er, und winkt die Hirten herbey,

Daß Jeder ihm staunend das Wunder zeih!

"Gott sey mit ihm!"

Ist's eine Stimm':

"Der stehet dort oben in großer Noth,

Muß arg wohl erleiden den Hungertod."

Auf leichtem Roß

Ein Jägertroß

Kommt nun das Thal hereingesprengt,

Wo sich die Menge schon gaffend drängt,

Und rufet den nächsten Hirten an:

"Nahm wohl der Kaiser anher die Bahn?

Hoch auf den Alpen klomm er empor,

Daß ihn des Jägers Blick verlor."

Der Hirte blickt

Auf die Wand, erschrickt,

Hindeutend sagt er zum Jägerschwarm:

"Dann schaut ihn dort oben! daß Gott erbarm!"

Der Jäger blickt

Auf die Wand, erschrickt,

Und hebet nun schnell sein Sprecherrohr,

Und ruft, was Menschenbrust mag, empor.

"Herr Kaiser, seyd ihr's, der steht in der Blend,

So werft herab einen Stein behend!"

Und vorwärts nun woget das Menschengewühl,

Und plötzlich ward es nun todtenstill.

Da fällt der Stein,

Senkrecht hinein,

Wo unter dem Felsen ein Hüter wacht,

Daß zerschmettert das Dach zusammenkracht.

Des Volks Geheul',

Auf eine Meil

Im ganzen Umkreis zu hören,

Macht rings das Echo empören.

Und zum Kaiser auf dringet der Jammerlaut,

Der kaum mehr menschlicher Hülfe vertraut.

Er spannet das Aug', er strecket das Ohr:

"Was wühlet dort unten? Was rauscht empor?"

Er sieht und lauscht;

Fort wühlt's und rauscht -

So harret er aus, ohn Murren und Klag,

Der edle Herr bis zu Mittag.

Doch Sonnenbrand,

Die Felsenwand

Zurück mit glühenden Strahlen prallt;

Da wird unleidlich der Hitze Gewalt.

Erschöpft von der mattenden Gemsenjagd,

Von Durst gequält, von dem Hunger geplagt,

Fühlet sich Max ganz matt und schwach; -

War's Wunder, daß endlich die Kraft ihm brach?

Das wünscht er allein:

Gewiß zu seyn;

Eh' die Besinnung ihm verfließt,

Ob Hülfe bey Menschen noch möglich ist?

Bald wußt' er Rath,

Und schritt zur That,

Und schrieb mit Stiften auf Pergament

Die Frag' ans Volk, und wickelt behend

Mit goldenem Bande das Täfelein

Auf einen gewicht'gen Marmorstein,

Ließ fallen die Last in die Tiefe hinab; -

Und horcht - kein Laut, der ihm Antwort gab.

Ach Gott und Herr!

Man liebt ihn so sehr

Drum findet vom Volke sich niemand ein,

Dem Herrn ein Bothe des Todes zu seyn.

Der Kaiser wie hart

Auf Antwort harrt,

Und sendet den dritten und vierten Stein,

Doch immer wollt' es vergeblich seyn.

Bis schon am Himmel die Sonne sich senkt,

Und nun erseufzend der Herr sich denkt:

"Wär' Hülfe möglich, sie riefen es mir,

So harr' ich nun sichrer des Tod's allhier."

Da hob sein Sinn

Zu Gott sich hin;

Ihm entflammet das Herz der heilige Geist,

Daß er sich schnell von dem Irdischen reißt;

Wegstoßt die Welt,

Zum Ew'gen hält!

Jetzt wieder ein Täflein nimmt zur Hand,

Beschreibt es eifrig. - Weil fehlte das Band,

So band er's am Stein mit dem goldenen Vließ;

Was sollt's ihm? Er war ja des Todes gewiß!

Und aus dem erhöheten luftigen Grab

Wirft er den Stein in das Leben hinab.

Wohl peinlicher Schmerz,

Durchwühlet das Herz

Jedem, der nun, was der Kaiser begehrt,

Weinend vom weinenden Leser hört.

Der Leser rief:

"So heißt der Brief.

Viel Dank Tyrol für deine Lieb,

Die treu in jeder Noth mir blieb.

Doch Gott versucht ich mit Übermuth,

Das soll ich nun büßen durch Leib und Blut.

Bey Menschen ist keine Rettung mehr;

Gott's Wille geschehe! Gerecht ist der Herr!

Will büßen die Schuld,

Mit Muth und Geduld.

Mit einem wohl könnt ihr mein Herz erfreu'n,

Ich will euch den Dank im Tode noch weih'n.

"[Nach Zierlein eilt

Nun unverweilt]

Ein Both' um das heilige Sacrament,

Nach dem mir dürstend die Seele brennt.

Und wenn der Priester steht am Fluß,

So kündet's mir Schützen durch einen Schuß.

Und wenn ich den Segen nun soll empfahn,

So deut' es ein zweyter mir wieder an.

Sehr bitt' ich euch

Fleht dann zugleich

Mit mir zum Helfer in aller Noth,

Daß er mich stärk' in dem Hungertod."

Der Bothe fleugt;

Der Priester keucht

Nun schon herbey, nun steht er am Fluß,

Schnell kündet's dem Kaiser der Schützen Schuß.

Der schauet hinab, erblickt die Monstranz,

Denn blitzend erglänzt ihr Demantkranz.

Und wirft sich vor ihr auf die Kniee hin,

Mit zerknirschtem Herzen, mit gläubigem Sinn.

Die Menschheit ringt,

Und siegt, und schwingt

Auf entfesselten Flügeln empor sich schnell

Zu der ewigen Liebe hochheiligem Quell!

Und o wie fleht

Sein heißes Gebeth!

"O Gott, du Vater allmächtig am Himmelsthron,

Du Lieb' aus Lieb' entquollener Gottessohn,

Und du hochheiliger Gottesgeist,

Der beyde vereint, das Heil uns weis't;

O Gott, deß Lieb' auf jeder Spur

Verkündet laut die weite Natur!

O tauchte sich schnell

Im Liebesquell

Mein liebender Geist, umfaßte die Welt,

Die liebend am Herzen dein Arm erhält.

"Vor meinem Tod,

Dein Himmelsbrot,

Wünsch ich Unwürdiger, o wie sehr!

O sieh auf mich erbarmend her!

O Christus Lieb' tritt bey mir ein,

Und führ' mich zurück in der Gläub'gen Verein,

Die deine Lieb' so feurig beseelt,

Daß eines sie werden mit Gott und Welt.

Und weil ich nicht werth,

Was ich begehrt,

Ein einzig Wort aus deinem Mund

Macht deinen Knecht auch wieder gesund."

So will er im Fleh'n

Vor Liebe vergeh'n.

Da kündet ein zweyter Schuß ihm an,

Daß er den Segen nun soll empfahn.

Der Herr sogleich auf Felsengrund,

Wirft sich die Stirn' und die Hände wund.

Und der Jäger mit lautem Sprecherrohr

Sagt ihm des Priesters Worte vor:

"Dich segnet Gott,

In deiner Noth,

Der Vater, der Sohn, und der Heilige Geist,

Den Himmel und Erd' ohn' Ende preißt."

Nun allzumahl

Im ganzen Thal

Das Volk auf den Knien harrt im Gebeth,

Und laut für das Heil des Herren fleht.

Den Kaiser rührt's, der Bethenden Schall

Bringt ihm zu Ohren der Wiederhall.

Auch er bleibt knieen im Gebeth,

Und Gott für das Wohl der Völker fleht,

Schon flammt der Mond

Am Horizont,

Und herrlich das grünliche Firmament

Von funkelnden Sternenheeren brennt.

Des Himmels Pracht

Erweckt mit Macht

Die Sehnsucht zum himmlischen Vaterland,

Ihm löset sich jedes irdische Band.

Wo der Seraphim Harfe Jubel erklingt,

Der Seligen Chor das Heilig singt,

Wo das Leiden schweigt, die Begierde sich bricht,

Zur ewigen Liebe, zum ewigen Licht,

Dahin, dahin

Schwingt sich sein Sinn,

Und mit hoch empor gehobenen Händen

Denkt er entfliehend sein Elend zu enden;

Als schlank und fein

Ein Bäuerlein,

Wie der Blitz ihn blendend, nun vor ihm stund,

Und grüßt ihn mit lieblich ertönendem Mund:

"Herr Max, zum Sterben hat's wohl noch Zeit,

Doch folget mir schnell. Der Weg ist weit."

Der Kaiser entsetzt sich ob dem Gesicht,

Und trauet den Augen und Ohren nicht.

Und wie er schaut,

Ihm heimlich graut;

Denn es wall't um den Knaben gar sonderlich

Ein dämmernder Schein, der nichts Irdischem glich.

Doch der Kaiser in Hast

Sich wieder faßt,

Und fragt das Knäblein: "Wer bist du? - Sprich!"

"Ein Bothe, gesandt um zu retten dich."

"Wer zeigte dir an zur Klippe den Weg?"

"Wohl kenn' ich den Berg und jeglichen Steg."

"So hat dich der Himmel zu mir geschickt?"

"Wohl hat er dein reuiges Herz erblickt."

Drauf es sich dreht,

Zur Höhlung geht,

Und gleitet nun leicht durch den Riß in die Wand,

Den vorher sein forschendes Auge nicht fand.

Durch den Riß gebückt,

Der Kaiser sich drückt;

Sieh da hüpfet das Knäblein leuchtend voran,

Durch steile Schluchten tief ab die Bahn.

Wo funkelnd das Erz an den Wänden glimmt

In der Tiefe der Schwaden aufblitzend schwimmt,

Am Gewölb ertönt der Schritte Hall,

Fern donnert des Bergstroms brausender Fall,

Tiefer noch ab,

Meilen hinab:

Da gleitet das Knäblein in eine Schlucht,

Die Fackel erlosch. - Mit den Händen bange nun sucht

Max sich den Weg hinvor,

Und dringt empor;

Und schaut aufathmend der Sterne Licht,

Und sucht den Knaben - und findet ihn nicht.

Da faßt ihn ein Schauer. Nicht hat er geirrt.

Wohl war es ein Engel, der ihn geführt.

Und schon erkennt er Zierleins Thal,

Hört brausen der Menge verworrenen Schall.

Mit bebendem Tritt

Er weiter schritt,

Wie oft, ermattet, er weilen muß,

Bis er naht dem weit erglänzenden Fluß.

Noch stand er weit,

Doch hocherfreut

Schaut er den Priester bey Fackelglanz

Stehn, unermüdlich mit der Monstranz.

Und noch die treuen Gemeinden knien,

Und heiß im Gebethe für ihn glüh'n.

Sein Auge ward naß, sein Herz hoch schwoll,

- 'S war ja von tausend Gefühlen voll.

Schnell tritt er vor,

Ruft laut empor:

„Lobet den Herrn und seine Macht!

Seht mich hat sein Engel zurück gebracht."