Lob der Tränen
Schubert, Franz
Laue Lüfte,
Blumendüfte,
Alle Lenz- und Jugendlust;
Frischer Lippen
Küsse nippen,
Sanft gewiegt an zarter Brust;
Dann der Trauben
Nektar rauben;
Reihentanz und Spiel und Scherz:
Was die Sinnen
Nur gewinnen:
Ach! erfüllt es je das Herz?
Wenn die feuchten
Augen leuchten
Von der Wehmuth lindem Thau,
Dann entsiegelt,
Drin gespiegelt,
Sich dem Blick die Himmels-Au.
Wie erquicklich
Augenblicklich
Löscht es jede wilde Glut!
Wie vom Regen
Blumen pflegen,
Hebet sich der matte Muth.
Nicht mit süßen
Wasserflüssen
Zwang Prometheus unsern Leim:
Nein, mit Thränen;
Drum im Sehnen
Und im Schmerz sind wir daheim.
Bitter schwellen
Diese Quellen
Für den Erd' umfangnen Sinn,
Doch sie drängen
Aus den Engen
In das Meer der Liebe hin.
Ew'ges Sehnen
Floß in Thränen,
Und umgab die starre Welt,
Die in Armen
Sein Erbarmen
Immerdar umflutend hält.
Soll dein Wesen
Denn genesen,
Von dem Erdenstaube los,
Mußt im Weinen
Dich vereinen
Jener Wasser heil'gem Schooß.