Luisens Antwort

Schubert, Franz

Wohl weinen Gottes Engel,

Wenn Liebende sich trennen,

Wie werd' ich leben können,

Geliebter ohne dich!

Gestorben allen Freuden,

Leb' ich fortan den Leiden,

Und nimmer, Wilhelm, nimmer

Vergißt Luisa dich.

Wie könnt' ich dein vergessen!

Wohin ich, Freund, mich wende,

Wohin den Blick nur sende;

Umstrahlt dein Bildniß mich.

Mit trunkenem Entzücken

Seh' ich es auf mich blicken.

Nein nimmer, Wilhelm, nimmer

Vergißt Luisa dich.

Wie könnt' ich dein vergessen!

Geröthet von Verlangen,

Wie flammten deine Wangen,

Von Inbrunst naß um mich!

Im Wiederschein der Deinen

Wie leuchteten die Meinen!

Nein nimmer, Wilhelm, nimmer

Vergißt Luisa dich.

Wie könnt' ich dein vergessen!

Vergessen, wie die Blöde

In Blick' und Nick und Rede

Die Liebe süß beschlich.

Dein zartes Liebeflehen,

Mein stammelndes Gestehen

Sollt' ich vergessen? Nimmer

Vergißt Luisa dich.

Wie könnt' ich dein vergessen!

Die Töne je verlernen,

Worin bis zu den Sternen

Du mich erhubest, mich.

Ach unauslöschlich klingen

Sie mir in Ohren, singen

Sie mir im Herzen - Nimmer

Vergißt Luisa dich.

Wie könnt' ich dein vergessen!

Vergessen deiner Briefe

Voll zarter, treuer Liebe,

Voll herben Grams um mich!

Ich will sie sorgsam wahren,

Für meinen Sarg sie sparen.

Geliebter, nimmer, nimmer,

Vergißt Luisa dich.

Wie könnt' ich dein vergessen!

Vergessen jener Stunden,

Wo ich von dir umwunden,

Umflechtend innigst dich,

An deine Brust mich lehnte,

Ganz dein zu seyn mich sehnte! -

Geliebter, nimmer, nimmer

Vergißt Luisa dich.

Wie könnt' ich dein vergessen!

Vergessen je der Fragen,

Die du in schönern Tagen

Ohn' Ende fragtest: "Sprich,

Luisa, bist du meine?"

Ja, Trauter, ja, die Deine

Bin ich auf ewig. - Nimmer

Vergißt Luisa dich.

Wie könnt' ich dein vergessen!

Vergessen je der Schauer

Von Seligkeit und Trauer,

Die allgewaltig mich

An deiner Brust durchzückten,

Aus deinem Arm entrückten

Zu höhern Sphären! - Nimmer

Vergißt Luisa dich.

Wie könnt' ich dein vergessen!

Vergessen je der Qualen,

Womit aus goldnen Schalen

Die Liebe tränkte mich!

Was ich um dich gelitten,

Was ich um dich gestritten

Sollt' ich vergessen? Nimmer

Vergißt Luisa dich.

Ich kann dich nicht vergessen,

Auf jedem meiner Tritte,

In meiner Lieben Mitte,

Umschwebt dein Bildniß mich.

Auf meiner Leinwand schimmerts,

An meinem Vorhang flimmerts,

Geliebter, nimmer, nimmer

Vergißt Luisa dich.

Ich kann dich nicht vergessen.

Mit jedem goldnen Morgen

Erwacht mein zärtlich Sorgen,

Mein Seufzen, ach, um dich!

"Wo weilst du itzt, du Einer?

Was denkst du itzt du Meiner?

Denkst du auch an Luisen?

Luisa denkt an dich!"

Ich kann dich nicht vergessen.

Des Nachts auf meinem Bette

Gemahnt michs oft, als hätte

Dein Arm umschlungen mich.

Des Penduls Schwingung weckt mich,

Das Horn des Wächters schreckt mich.

Allein bin ich im Dunkel,

Und weine still um dich.

Ich kann dich nicht vergessen.

Nicht fremde Huldigungen,

Nicht Sklavenanbetungen,

O Freund, verdrängen dich.

Luisa liebt nur Einen,

Nur Einen kann sie meinen,

Nur Einen nie vergessen,

Vergessen nimmer dich.

Luisa liebt nur Einen,

Verschmäht des Stutzers Schmeicheln,

Verhöhnt sein süsslich Heucheln,

Gedenkt, o Wilhelm, dein;

Denkt deines Geistes Adel,

Dein Lieben sonder Tadel

Dein Herz so treu, so bieder -

Und brennt für dich allein.

Für dich nur mag ich brennen,

Für dich, für dich nur fühlen.

Dieß Feuer in mir kühlen

Mag Zeit, mag Ferne nicht.

Von dir, von dir mich scheiden

Mag Freude nicht, nicht Leiden,

Mag nicht die Hand des Todes,

Selbst dein Vergessen nicht.

Selbst, wenn du falsch und treulos

An fremde Brust dich schmiegtest,

In fremdem Arm dich wiegtest,

Vergessend Schwur und Pflicht

In fremden Flammen brenntest,

Luisen gar verkenntest,

Luisen gar vergässest -

Ich, ach! vergäss' dich nicht!

Verachtet und vergessen,

Verloren und verlassen,

Könnt' ich dich doch nicht hassen;

Still grämen würd ich mich,

Bis Tod sich mein erbarmte,

Das Grab mich kühl umarmte -

Doch auch im Grab', im Himmel,

O Wilhelm, liebt' ich dich!

In mildem Engelglanze

Würd' ich dein Bett umschimmern,

Und zärtlich dich umwimmern:

"Ich bin Luisa, ich!

Luisa kann nicht hassen,

Luisa dich nicht lassen,

Luisa kommt, zu segnen,

Und liebt auch droben dich."