Minona

Schubert, Franz

Wie treiben die Wolken so finster und schwer

Dort über die liebliche Leuchte daher!

Wie rasseln die Tropfen auf Fenster und Dach!

Wie treibet's da draußen so wütig und jach,

Als trieben sich Geister in Schlachten!

Und Wunder! Wie plötzlich die Kämpfenden ruhn,

Als bannten itzt Gräber ihr Treiben und Thun!

Und über die Haide, und über den Wald -

Wie weht es herüber so öde, so kalt!

So schaurig vom schimmernden Felsen!

O Edgar! wo schwirret dein Bogengeschoß?

Wo flattert dein Haarbusch? wo tummelt dein Roß?

Wo schnauben die schwärzlichen Doggen um dich?

Wo spähst du am Felsen der Beute für mich?

Dein harret das liebende Mädchen!

Dein harret, o Jüngling! in jeglichem Laut,

Dein harret so schmachtend die zagende Braut;

Es dünkt ihr zerrissen das liebliche Band,

Es dünkt ihr so blutig dein Jägergewand -

Wohl minnen die Todten uns nimmer!

Noch hallet den moosigen Hügel entlang

Wie Harfengelispel der Minnegesang.

Was frommt es? Schon blinken die Sterne der Nacht

Hinunter zum Bette von Erde gemacht,

Wo eisern die Minnenden schlafen!

So klagt sie; und leise tappt's draußen umher,

Es winselt so innig, so schaudernd und schwer;

Es greift sie Entsetzen, sie wanket zur Thür,

Bald schmiegt sich die schönste der Doggen vor ihr,

Der Liebling des harrenden Mädchens;

Nicht, wie sie noch gestern mit kosendem Drang,

Ein Bote des Lieben, zum Busen ihr sprang -

Kaum hebt sie vom Boden den trauernden Blick,

Schleicht wieder zum Pförtchen, und kehret zurück,

Die schreckliche Kunde zu deuten.

Minona folgt schweigend mit bleichem Gesicht,

Als ruft es die Arme vor's hohe Gericht -

Es leuchtet so düster der nächtliche Strahl -

Sie folgt ihr durch Moore, durch Haiden und Thal

Zum Fuße des schimmernden Felsen.

»Wo weilet, o schimmernder Felsen, der Tod?

Wo schlummert der Schläfer, von Blute so roth?«

Wohl war es zerrissen das liebliche Band,

Wohl hatt' ihm, geschleudert von tückischer Hand,

Ein Mordpfeil den Busen durchschnitten.

Und als sie nun nahet mit ängstlichem Schrei,

Gewahrt sie den Bogen des Vaters dabei.

»O Vater, o Vater, verzeih es dir Gott!

Wohl hast du mir heute mit frevelndem Spott

So schrecklich den Dräuschwur erfüllet!

Doch soll ich zermalmet von hinnen itzt gehn?

Er schläft ja so lockend, so wonnig und schön!

Geknüpft ist nun ewig das eherne Band;

Und Geister der Väter im Nebelgewand

Ergreifen die silberne Harfe.«

Und plötzlich entreißt sie mit sehnender Eil

Der Wunde des Lieben den tödenden Pfeil;

Sie stößt ihn, ergriffen von Freuden und Weh,

Mit Hast in den Busen, so blendend als Schnee,

Und sinket am schimmernden Felsen.