Ritter Toggenburg

Franz Peter Schubert

»Ritter, treue Schwesterliebe

Widmet Euch dieß Herz,

Fodert

keine andre Liebe,

Denn es macht mir Schmerz.

Ruhig mag ich Euch erscheinen,

Ruhig gehen sehn.

Eurer

Augen stilles Weinen

Kann ich nicht verstehn.«

Und er hörts mit stummem Harme,

Reißt sich blutend los,

Preßt sie heftig in die Arme,

Schwingt sich auf sein Roß,

Schickt zu seinen Mannen allen

In dem Lande Schweiz,

Nach dem heil'gen Grab sie wallen,

Auf der Brust das Kreuz.

Große Thaten dort geschehen

Durch der Helden Arm,

Ihres Helmes Büsche wehen

In der Feinde Schwarm,

Und des Toggenburgers Nahme

Schreckt den Muselmann,

Doch das Herz von seinem Grame

Nicht genesen kann.

Und ein Jahr hat er's getragen

Trägt's nicht länger mehr,

Ruhe kann er nicht erjagen,

Und verläßt das Heer,

Sieht ein Schiff an Joppe's Strande,

Das die Segel bläht,

Schiffet heim zum theuren Lande,

Wo ihr Athem weht.

Und an ihres Schlosses Pforte

Klopft der Pilger an,

Ach! und mit dem Donnerworte

Wird sie aufgethan:

»Die Ihr suchet, trägt den Schleier,

Ist des Himmels Braut,

Gestern war des Tages

Feier,

Der sie Gott getraut.«

Da verlässet er auf immer

Seiner Väter Schloß,

Seine Waffen sieht er nimmer,

Noch sein treues Roß,

Von der Toggenburg hernieder

Steigt er unbekannt,

Denn es deckt die edeln

Glieder

Härenes Gewand.

Und erbaut sich eine Hütte

Jener Gegend nah,

Wo das Kloster aus der Mitte

Düstrer Linden sah;

Harrend von des Morgens Lichte

Bis zu Abends Schein

Stille Hoffnung im Gesichte,

Saß er da allein.

Blickte nach dem Kloster drüben,

Blickte Stundenlang

Nach dem Fenster seiner Lieben,

Bis das Fenster klang,

Bis die Liebliche sich zeigte,

Bis das theure Bild

Sich ins Thal herunter neigte,

Ruhig, engelmild.

Und dann legt er froh sich nieder,

Schlief getröstet ein,

Still sich freuend, wenn es wieder

Morgen würde seyn.

Und so saß er viele Tage,

Saß viel Jahre lang,

Harrend ohne Schmerz und Klage,

Bis das Fenster klang.

Bis die Liebliche

sich zeigte,

Bis das theure Bild

Sich ins Thal herunter neigte,

Ruhig, engelmild.

Und so saß er, eine Leiche,

Eines Morgens da,

Nach dem Fenster noch das bleiche

Stille Antlitz sah.