Schwangesang

Schubert, Franz

Endlich stehn die Pforten offen,

Endlich winkt das kühle Grab,

Und nach langem Fürchten, Hoffen,

Neig' ich mich die Nacht hinab.

Durchgewacht sind nun die Tage

Meines Lebens. Süße Ruh

Drückt nach ausgeweinter Klage

Mir die müden Wimper zu.

Auge schleuß dich. Strahl der Sonnen,

Wecke nicht den Schläfer mehr.

Seine Sanduhr ist verronnen;

Seiner Kräfte Sprudel leer.

Durchgerannt sind seine Schranken,

Durchgekämpfet ist sein Kampf.

Seht, der Erde Pfeiler wanken.

Seht, die Welt verwallt wie Dampf.

Dunkel wird mein Blick und trübe,

Taub das Ohr, und starr das Herz.

In ihm klopft nicht mehr die Liebe;

In ihm bebt nicht mehr der Schmerz.

Ausgeliebet, ausgelitten

Hab' ich, und die Leidenschaft

Tobt nicht mehr, und abgeschnitten

Dorrt mein Reben, eis't mein Saft.

Oeffne deine Schattenpforten,

Oeffne, Engel Tod sie nun.

Lange will ich, lange dorten

Bey dir in der Kammer ruhn.

Süß, geräuschlos, kühl und stille

Soll's in deiner Kammer seyn.

O so eile, Trauter, hülle

In dein Schlafgewand mich ein.

Die mich gern und liebend schauten,

Mond und Sonne, lebet wohl!

Die mir süße Wehmuth thauten,

Früh- und Spatroth, lebet wohl!

Lebet wohl ihr grünen Felder,

Du mein Tausendschönchenthal!

Düstre, feyerliche Wälder,

Bäch' und Hügel allzumal!

Die ihr zärtlich mich umschlanget,

Mit mir theiltet Weh und Wohl,

Mit mir kämpftet, mit mir ranget,

Lebet Freunde, lebet wohl!

Die du meinen Staub erschufest,

Und ihn heut in deinen Schooß,

Mutter Erde, wiederrufest,

Hüll' ihn sanft und störunglos.

Ewig wird die Nacht nicht dauern,

Ewig dieser Schlummer nicht.

Hinter jenen Gräberschauern

Dämmert unauslöschlich Licht.

Aber bis das Licht mir funkle,

Bis ein schön'rer Tag mir lacht,

Sink' ich ruhig in die dunkle,

Stille, kühle Schlummernacht.