Schwestergruß

Schubert, Franz

Im Mondenschein

Wall' ich auf und ab,

Seh Todtenbein'

Und stilles Grab.

In Geisterhauch

Vorüber schwebt's,

Wie Flamm' und Rauch,

Vorüber bebt's; -

Aus Nebeltrug

Steigt eine Gestalt,

Ohn' Sünd und Lug

Vorüber wallt,

Das Aug so blau,

Der Blick so groß,

Wie in Himmelsau,

Wie in Gottes Schoß,

Ein weiß Gewand

Bedeckt das Bild,

In zarter Hand

Eine Lilie quillt,

In Geisterhauch

Sie zu mir spricht:

»Ich wandre schon

Im reinen Licht,

Seh Mond und Sonn'

Zu meinem Fuß,

Und leb' in Wonn',

In Engelskuß;

Und all die Lust,

Die ich empfind,

Nicht deine Brust

Kennt, Menschenkind!

Wenn du nicht laßt

Den Erdengott,

Bevor dich faßt

Der grause Tod.«

So tönt die Luft,

So saust der Wind,

Zu den Sternen ruft

Das Himmelskind,

Und eh' sie flieht,

Die weiß' Gestalt,

In frischer Blüth'

Sie sich entfalt':

In reiner Flamm'

Schwebt sie empor,

Ohne Schmerz und Harm,

Zu der Engel Chor.

Die Nacht verhüllt

Den heil'gen Ort,

Von Gott erfüllt

Sing ich das Wort.