Selig durch die Liebe

Schubert, Franz

Seelig durch die Liebe

Götter - durch die Liebe

Menschen Göttern gleich!

Liebe macht den Himmel

Himmlischer - die Erde

Zu dem Himmelreich.

Einstens hinter Pyrrhas Rücken,

Stimmen Dichter ein,

Sprang die Welt aus Felsenstücken,

Menschen aus dem Stein.

Stein und Felsen ihre Herzen,

Ihre Seelen Nacht,

Von des Himmels Flammenkerzen

Nie in Glut gefacht.

Noch mit sanften Rosenketten

Banden junge Amoretten

Ihre Seelen nie -

Noch mit Liedern ihren Busen

Huben nicht die weichen Musen

Nie mit Saitenharmonie.

Ach! noch wanden keine Kränze

Liebende sich um!

Traurig flüchteten die Lenze

Nach Elisium.

Ungegrüßet stieg Aurora

Aus dem Schooß des Meers,

Ungegrüßet sank die Sonne

In den Schooß des Meers.

Wild umirrten sie die Hayne,

Unter Lunas Nebelscheine,

Trugen eisern Joch.

Sehnend an der Sternenbühne

Suchte die geheime Thräne

Keine Götter noch.

*

Und sieh! der blauen Fluth entquillt

Die Himmelstochter sanft und mild,

Getragen von Najaden

Zu trunkenen Gestaden.

9. Ein jugendlicher Maienschwung

Durchwebt, wie Morgendämmerung,

Auf das allmächtige Werde

Luft, Himmel, Meer und Erde.

Des holden Tages, Auge lacht

In düst'rer Wälder Mitternacht,

Balsamische Narzissen

Blüh'n unter ihren Füßen.

Schon flötete die Nachtigall

Den ersten Sang der Liebe,

Schon murmelte der Quellen Fall

In weiche Busen Liebe.

Glückseliger Pygmalion!

Es schmilzt! es glüht dein Marmor schon!

Gott Amor Überwinder!

Umarme deine Kinder!

*

Seelig durch die Liebe

Götter - durch die Liebe

Menschen Göttern gleich.

Liebe macht den Himmel

Himmlischer - die Erde

Zu dem Himmelreich.

*

Unter gold'nem Nektarschaum

Ein wollüst'ger Morgentraum

Ewig Lustgelage

Flieh'n der Götter Tage.

15. Thronend auf erhab'nem Sitz

Schwingt Chronion seinen Blitz,

Der Olympus schwankt erschrocken,

Wallen zürnend seine Locken -

Göttern läßt er seine Throne,

Niedert sich zum Erdensohne,

Seufzt arkadisch durch den Hayn,

Zahme Donner untern Füßen,

Schläft, gewiegt von Ledas Küssen,

Schläft der Riesentödter ein.

17. Majestätsche Sonnenrosse

Durch des Lichtes weiten Raum

Leitet Föbos gold'ner Zaum,

Völker stürzt sein rasselndes Geschosse;

Seine weißen Sonnenrosse,

Seine rasselnden Geschosse

Unter Lieb' und Harmonie

Ha! wie gern vergaß er sie!

Vor der Gattin des Chroniden

Beugen sich die Uraniden,

Stolz vor ihrem Wagenthrone

Brüstet sich das Pfauenpaar,

Mit der gold'nen Herrscherkrone

Schmückt sie ihr ambrosisch Haar.

Schöne Fürstin! ach die Liebe

Zittert mit dem süßen Triebe

Deiner Majestät zu nah'n.

Und von ihren stolzen Höhen

Muß die Götterkönigin

Um des Reizes Gürtel flehen,

Bei der Herzenfeßlerin.

*

Seelig durch die Liebe

Götter - durch die Liebe

Menschen Göttern gleich!

Liebe macht den Himmel

Himmlischer - die Erde

Zu dem Himmelreich.

*

Liebe sonnt das Reich der Nacht,

Amors süßer Zaubermacht

Ist der Orkus unterthänig,

Freundlich blickt der schwarze König,

Wenn ihm Ceres Tochter lacht,

Liebe sonnt das Reich der Nacht.

Himmlisch in die Hölle klangen

Und den wilden Hüter zwangen

Deine Lieder, Thrazier -

Minos, Thränen im Gesichte,

Mildete die Qualgerichte,

Zärtlich um Megärens Wangen

Küßten sich die wilden Schlangen,

Keine Geißel klatschte mehr,

Aufgejagt von Orfeus Leier

Flog von Tityon der Geier,

Leiser hin am Ufer rauschten

Lethe und Kozytus, lauschten

Deinen Liedern Thrazier,

Liebe sangst du Thrazier.

*

Seelig durch die Liebe

Götter - durch die Liebe

Menschen Göttern gleich.

Liebe macht den Himmel

Himmlischer - die Erde

Zu dem Himmelreich.

*

Durch die ewige Natur

Düftet ihre Blumenspur,

Weht ihr gold'ner Flügel.

Winkte mir vom Mondenlicht

Afroditens Auge nicht,

Nicht vom Sonnenhügel,

Lächelte vom Sternenmeer

Nicht die Göttin zu mir her,

Stern, und Sonn und Mondenlicht

Regten mir die Seele nicht,

Liebe Liebe lächelt nur

Aus dem Auge der Natur

Wie aus einem Spiegel!

25. Liebe rauscht der Silberbach,

Liebe lehrt ihn sanfter wallen,

Seele haucht sie in das Ach

Klagenreicher Nachtigallen -

Liebe Liebe lispelt nur

Auf der Laute der Natur

Weisheit mit dem Sonnenblick,

Große Göttin tritt zurück,

Weiche vor der Liebe.

Nie Erobrern, Fürsten nie

Beugtest du ein Sklavenknie,

Beug' es itzt der Liebe.

27. Wer die steile Sternenbahn

Gieng dir heldenkühn voran

Zu der Gottheit Sitze?

Wer zerriß das Heiligthum,

Zeigte dir Elisium

Durch des Grabes Ritze?

Lockte sie uns nicht hinein,

Möchten wir unsterblich seyn?

Suchten auch die Geister

Ohne sie den Meister?

Liebe Liebe leitet nur

Zu dem Vater der Natur,

Liebe nur die Geister.

Seelig durch die Liebe

Götter - durch die Liebe

Menschen Göttern gleich.

Liebe macht den Himmel

Himmlischer - die Erde

Zu dem Himmelreich.