Viola

Schubert, Franz

Schneeglöcklein, o Schneeglöcklein!

In den Auen läutest du,

Läutest in dem stillen Hain,

Läute immer, läute zu!

Denn du kündest frohe Zeit,

Frühling naht, der Bräutigam,

Kommt mit Sieg vom Winterstreit,

Dem er seine Eiswehr nahm.

Darum schwingt der goldne Stift,

Daß dein Silberhelm erschallt,

Und dein liebliches Gedüft

Leis', wie Schmeichelruf entwallt:

Daß die Blumen in der Erd

Steigen aus dem düstern Nest

Und des Bräutigams sich werth

Schmücken zu dem Hochzeitsfest. -

Schneeglöcklein, o Schneeglöcklein!

In den Auen läutest du,

Läutest in dem stillen Hain,

Läut' die Blumen aus der Ruh!

Du Viola, zartes Kind,

Hörst zuerst den Wonnelaut,

Und sie stehet auf geschwind,

Schmücket sorglich sich als Braut.

Hüllet sich ins grüne Kleid,

Nimmt den Mantel sammetblau,

Nimmt das güldene Geschmeid,

Und den Diamantenthau.

Eilt dann fort mit ems'gem Schritt,

Nur den Freund im treuen Sinn,

Ganz von Liebesglück durchglüht,

Sieht nicht her und sieht nicht hin.

Doch ein ängstliches Gefühl

Ihre kleine Brust durchwallt,

Denn es ist noch rings so still

Und die Lüfte wehn noch kalt.

Und sie hemmt den schnellen Lauf,

Schon bestrahlt von Sonnenschein,

Doch mit Schrecken blickt sie auf -

Denn sie stehet ganz allein.

Schwestern nicht - nicht Bräutigam -

Zugedrungen! und verschmäht! -

Da durchschauert sie die Schaam,

Fliehet wie vom Sturm geweht,

Fliehet an den fernsten Ort,

Wo sie Gras und Schatten deckt,

Späht und lauschet immerfort:

Ob was rauschet und sich regt.

Und gekränket und getäuscht

Sitzet sie und schluchzt und weint;

Von der tiefsten Angst zerfleischt,

Ob kein Nahender erscheint. -

Schneeglöcklein, o Schneeglöcklein!

In den Auen läutest du,

Läutest in dem stillen Hain,

Läut die Schwestern ihr herzu! -

Rose nahet, Lilie schwankt,

Tulp und Hyacinthe schwellt,

Windling kommt daher gerankt,

Und Narciß hat sich gesellt.

Als der Frühling nun erscheint

Und das frohe Fest beginnt,

Sieht er alle die vereint,

Und vermißt sein liebstes Kind.

Alle schickt er suchend fort

Um die Eine, die ihm werth.

Und sie kommen an den Ort,

Wo sie einsam sich verzehrt. -

Doch es sitzt das liebe Herz

Stumm und bleich, das Haupt gebückt -

Ach! der Lieb und Sehnsucht Schmerz

Hat die Zärtliche erdrückt.

Schneeglöcklein, o Schneeglöcklein!

In den Auen läutest du,

Läutest in dem stillen Hain,

Läut, Viola, sanfte Ruh!