Wer ist groß?
Schubert, Franz
Wer ist wohl groß?
Der eine Welt im Kopfe trägt,
In der kein Herz dem Träger schlägt?
Der stürmisch von dem Throne schaut,
Den Mord und Herrschsucht ihm erbaut:
Ist der wohl groß?
Wer ist denn groß?
Der auf gethürmten Leichen geht,
Und Freundschaft heuchelnd Zwietracht sä't?
Der, wenn ein Kronenraub ihm glückt,
Sich selbst damit den Scheitel schmückt!
Ist der wohl groß?
Wer ist denn groß?
Der drohend mit dem Glücksstern prahlt,
Der ihn und sein Genie umstrahlt!
Der sich von Nord, Süd, Ost, und West
Im Leben noch vergöttern läßt?
Ist der wohl groß?
Wer ist denn groß?
Dem nur der Nahm': "Der Helden Held,"
Nicht der des Vaters wohlgefällt?
Dem jedes Volk ein Spielball ist,
Das ihn aus Zwang als Sieger grüßt?
Ist der wohl groß?
Wer ist denn groß?
Der weder sich noch And're liebt,
Vom Frieden spricht, und nie ihn gibt?
Der keinen Freund der Wahrheit schont,
Selbst Lügen schmiedet, Lügen lohnt?
Ist der wohl groß?
Wer ist denn groß?
Der Fürsten von den Völkern trennt,
Und sich den Weltbeglücker nennt,
Und ungescheut mit frechem Schritt
Der Kirche Richterstuhl zertritt?
Ist der wohl groß?
Wer ist denn groß?
Der, stets das Blutschwert in der Hand,
Die Freyheit in den Himmel bannt?
Der bloß auf seine Lust bedacht,
Die Erde uns zur Hölle macht?
Ist der wohl groß?
Nein! der ist groß,
Der für das Heil der Menscheit lebt,
Ein Feind des Kriegs, nach Frieden strebt,
Dem, wenn man ihn zum Kriege zwingt,
Sich jeder gern zum Opfer bringt,
Ja, der ist groß!
Ja der ist groß,
Der im Gefühl der Herrscherpflicht
Stets redlich handelt, offen spricht,
Den, auch vom Unglück hart bedrängt,
Der Völker Jubel froh empfängt:
Ha der ist groß!
Ja der ist groß,
Den Jung und Alt, den Weib und Mann,
Kurz, Alles, was nur athmen kann,
Mit
einer
Stimme,
einem
Geist,
Als liebevollen Vater preist,
O der ist groß!
Ja der ist groß,
Der nicht erbost nach Rache schnaubt,
Wenn Meineid ihm sein Erbe raubt;
Der selbst dem Todfeind gern verzeiht,
Und ihm sein höchstes Kleinod freyt:
Ha der ist groß!
Ja, der ist groß,
Der, glorreich siegend, nicht vergißt,
Was Völkerrecht und Freyheit ist,
Der dieß Gemeingut nie verletzt,
Und Palmen mehr als Lorbeer schätzt -
Ja der ist groß.
Ja der ist groß,
Um den als Schutzwehr Freund und Feind
Sich frey zum Eintrachtsbund vereint,
Der gläubig an den höchsten Geist
Die Welt dem Sclavenjoch entreißt:
O der ist groß!
Ich nenn' ihn nicht -
Ihn nennt ja die Geschichte schon:
Die Völkerliebe bleibt sein Thron;
Von ihm aus strahlt in hehrem Glanz
Der Bundesfürsten Siegeskranz.
Ja, er ist groß!