Der Wachtthurm

H. Bellermann

Ich sah im Mondschein liegen

Die Felsen und das Meer,

Ich sah ein Schifflein fliegen

Still durch die Nacht daher.

Ein Ritter saß am Steuer,

Ein Fräulein stand am Bord,

Im Winde weht' ihr Schleier,

Die sprachen kein einzig Wort.

Ich sah verfallen grauen

Das hohe Königshaus,

Den König stehn und schauen

Vom Thurm in's Meer hinaus.

Und als das Schiff verschwunden,

Er warf seine Krone nach,

Und aus dem tiefen Grunde

Das Meer wehklagend brach.

Das war der kühne Buhle,

Der ihm sein Kind geraubt,

Der König, der verfluchet

Der eignen Tochter Haupt.

Da hat das Meer mit Toben

Verschlungen Ritter und Maid,

Der König starb da droben

In seiner Einsamkeit.

Nun jede Nacht vor Sturme

Das Schiff vorüberzieht,

Der König vor dem Thurme

Nach seinem Kinde sieht.