Abendlied

H. Böie

Lächelnd sinkt der Abend nieder,

Rings erschallen Jubellieder,

Alles jauchzt in froher Lust;

Und sich liebend zu vereinen

Zählt das Vateraug' die Seinen,

Sucht' das Kind der Mutter Brust.

Aber aus dem Freudenkreise,

Einsam trauernd schleicht die Waise,

Sie vermißt kein fühlend Herz.

Allen Stürmen Preis gegeben,

Irrt verlassen sie durch's Leben,

In der Brust den tiefen Schmerz.

Da plötzlich hehr und mild,

Naht ihr des Freundes Bild,

Und mit gefühltern Schlägen

Klopft ihm ihr Herz entgegen.

Was sie in guten Stunden

Geträumt, gehofft, empfunden:

Was sie entbehrt, beweint:

In ihm ist es vereint.

Keine Hoffnung, die ihr bliebe!

Nahmenlos ist ihre Liebe,

Unnennbar ist ihre Pein! --

Jeden Tag vor ihm sich zeigen!

Schweigend lieben, liebend schweigen!

Scheiden! -- und vergessen sein.

Verschmäht, verbannt, verstoßen,

Folgt Sturm und Ungemach,

Der Heimath-, Älternlosen

Auf allen Wegen nach.

Die Welt kennt nicht Erbarmen,

Sie fühlt nur eig'ne Noth. --

Was bleibt der trostlos Armen?

Verzweiflung, Wahnsinn, Tod!

Nein -- holdlächelnd wie Aurore

Öffnest du die gold'nen Thore

Der Verlass'nen, heil'ge Kunst!

Sang und Saitenspiel ertönen,

Sanfter rinnt der Strom der Thränen

In der Sonne deiner Gunst.

Du erhebst das Leid zum Liede,

Dir entblüht ein kurzer Friede,

Mild in sturmbewegter Brust;

Und aus trüber Thränenquelle

Hebt melodisch sich die Welle;

Labt den Schmerz -- wehmüth'ge Lust.