Vergänglichkeit
H. Esser
Ich sah das Laub so manches Mal
Nach kurzem Lenz sich färben,
Ich sah in früher Todesqual
Manch theures Leben sterben.
Der Liebe sel'ge Zeit ist um,
Verklungen Sang und Scherzen,
Und Wunsch und Hoffnung werden stumm,
Und öde wird's im Herzen.
Wie wenn nach froh durchschwelgter Nacht
Der letzte von den Zechern
Im dämmergrauen Saal erwacht
Bei umgestürzten Bechern, --
So zeigt die Welt mir unverhüllt
Die fahlen Greisenzüge,
Und ich erkenne schamerfüllt
Des Lebens große Lüge.
Doch zürnend wehr' ich meinem Schmerz
Und sag' zu meinem Herzen:
Ja, schäme dich, du töricht Herz,
Doch schäm' dich deiner Schmerzen!
Wohl wußtest du, daß Lenz und Lust
Dir enden soll mit Wehen;
Was zagst du nun, da dir bewußt:
Auch dieses wird vergehen.
O Wunderstrom, Vergänglichkeit,
Heilbringend wie verderblich!
Mein Glück ist todt, nun lebt mein Leid,
Doch auch mein Leid ist sterblich.
Die Welt, mein Herz, ist Dunst und Schaum,
Ein Bild vor irren Sinnen,
Und wird dir wie ein banger Traum
In stille Nacht zerrinnen.