Die Ballade vom armen Jakob (The Ballad of poor Jakob)

H. Gál

SYSTEMBild: Zwei Chöre in Kampfstellung

Chorführer (treten zwischen die Kämpfenden und sagen):

Warum könnt ihr euch denn nicht vertragen?

Warum wollt ihr denn euch selber schlagen?

Das tut schliesslich nur euch selber weh!

Statt euch miteinander zu verkrachen

sucht euch lieber einen Schwachen

und verdrescht ihn und verhaut ihn

und verprügelt ihn gemeinsam

mit Juchheiserassa und Juchhe!

Chor:

mit Juchheiserassa und Juchhe!

I

Sprecher:

Hört! Hört! Die wahre Geschichte von dem armen Jakob!

Der war schon als Kind etwas schwächlich.

Seine Stirn war blass, seine Augen auffallend gross

und er hatte die eigentümliche Gewohnheit

den Finger an die Nase zu legen und nachdenklich ins Blaue zu sehn.

Das war natürlich etwas aufreizend.

Es kam wohl daher dass er bei Fremden aufwuchs.

Und jedesmal wenn seine Pflegemutter

und sein Pflegevater sich zankten

wenn der Mann sagte: Verdammte Kröte!

und die Frau: Dieb, Zuhälter und so weiter

wie das in jeder Ehe gelegentlich einmal vorkommt

wenn das Geschirr flog und es gerade so aussah

als wollten sie sich gegenseitig verprügeln

die Frau mit dem Besen und der Mann mit der Faust

oder was ihm gerade in die Hand kam dann

sahen sie sich plötzlich ganz vertraulich an

gaben sich die Hand: So!

und ohne ein weiteres Wort zu sagen

schlugen sie alle beide im Verein

auf den armen kleinen Jakob ein

Chor:

schlugen alle beide im Verein

auf den armen kleinen Jakob ein

Sprecher:

bis ihnen die Puste ausging

und bis da schliesslich auch nicht mehr viel zu schlagen war

und am Ende machte ihnen die ganze Geschichte keinen Spass mehr... da

schickten sie den Jakob ohne Geld

in die weite, weite Welt

Chor:

in die weite, weite Welt.

II

Sprecher:

Auf diese Weise kam er nach München.

Da waren alle sehr freundlich zu ihm

und halfen ihm und pflegten ihn und sagten: Armer, kleiner Jakob!

Und er begann auch bereits ganz hübsch Geld zu verdienen

mit Reklamezeichnen und kurzen Artikeln und so

denn er hatte eine recht

kluge und geschickte Feder.

Dann war da auch ein kleines Mädchen Else

mit Grübchen in den Backen

und auch sonst noch diesem und jenem was gut

und freundlich anzusehen war. Die hatte er gern.

Und er fing auch schon an sich ganz wohl zu fühlen in dieser Welt

und zu träumen wie man eben so träumt:

Heirat, Kinder, eine kleine Wohnung draussen im Grünen...

Aber es waren damals stürmische Zeiten in München.

Es gab die graue Soldaten, die marschierten drohend durch die Strassen.

Und braune mit prallen Hosen und niedrigen Stirnen

die rempelten alle Leute an und schlugen Schaufenster ein

und hielten grosse Reden mit Geraufe und Messerstecherein.

Und eines Abends als der kleine Jakob

irgendwo in einem Lokal mit seinem Mädchen beim Bier sass

da kamen ein paar von den Braunen herein

richtige Bullen mit Stiernacken und groben Gesichtern

und fingen an Skandal zu machen, und die Grauen

die da an den Tischen sassen, standen auf

und sagten sie sollten ruhig sein.

Da beschimpften sie sich gegenseitig und nannten sich Spitzel,

Mörder, Judenknechte und Gott weiss was.

Und es sah schon so aus, als ob sie übereinander herfallen wollten

und als ob es Mord und Totschlag geben würde

da sahen sich die Grauen

und die Braunen

plötzlich ganz vertraulich an

gaben sich die Hand: So!

und sagten:

Warum können wir uns nicht vertragen?

Warum sollen wir uns selber schlagen?

Das tut schliesslich nur uns selber weh!

Statt uns miteinander zu verkrachen

suchen wir uns lieber einen Schwachen

und verprügeln ihn gemeinsam

mit Juchheiserassa und Juchhe!

Chor:

mit Juchheiserassa und Juchhe!

Sprecher:

Und dann schlugen alle im Verein

auf den armen kleinen Jakob ein

bis sie die Puste verloren

und das Licht ausging.

Da kroch der kleine Jakob auf allen Vieren ins Freie

und versteckte sich irgendwo und heilte seine Wunden so gut es ging.

Und dann zog er wieder ohne Geld

ein Stück weiter in die weite Welt.

Und die Else hat er nie mehr wiedergesehn.

III

Sprecher:

So kam er schliesslich an die holländische Grenze.

Da stand ein grosser Mann in Uniform

und fragte wo er hin wollte.

Und der kleine Jakob sagte: Wo anders hin.

Der Mann aber sah ihn von oben bis unten an

fragte ihn nach Papieren und Geld

und als der kleine Jakob gar nichts vorzeigen konnte

da sagte er: Hier kannst du nicht herein.

Und als der kleine Jakob bettelte und sagte:

Wenn ich wieder zurückmuss, da schlagen sie mich tot

da sagte er: Armer kleiner Jakob

so leid es mir tut, hier kannst du nun mal nicht herein!

Das ist gegen die Regulationen. Und deinesgleichen

wollen wir hier überhaupt nicht, so leid es mir tut.

Aber wenn du willst

könn' wir dich über die Grenze nach Belgien schaffen

vielleicht behalten die dich.

Da sagte der kleine Jakob: Ja.

Chor:

Und so wurde er also heimlich bei Nacht

über die Grenze nach Belgien gebracht.

Sprecher:

Da stand er nun in einem grossen dunklen Walde und fürchtete sich ein bisschen.

Dann er wusste ja gar nicht wohin er gehen sollte

und es regnete und Hunger hatte er auch.

Aber als er ein paar Schritte gegangen war

da stand schon wieder ein Mann in Uniform

klein, mit schwarzem Schnurrbart, der schrie: Halt, wer da?

Und als er den kleinen Jakob erkannte, da sagte er:

Du bist heute schon der dreiundzwanzigste!

Wenn ich nur diesen Holländer mal erwischen könnte

der euch herüberschmuggelt.

Aber als er sah dass der kleine Jakob hungrig war

da gab er ihm ein Stück Brot

und als er sah dass ihm kalt war

da gab er ihm seinen Mantel

denn er hatte im Grunde ein mitleidiges Herz.

Und dann warf er ihn in das Gefängnis zu den anderen zweiundzwanzig.

Da lag nun der kleine Jakob

und fühlte sich ganz wohl

denn er war wenigstens nicht so nass

und zu essen bekam er auch.

Aber er konnte da nicht lange bleiben

Chor:

denn er wurde schon in der folgenden Nacht

über die Grenze nach Holland zurückgebracht.

Sprecher:

Als er da ein paar Schritte gegangen war

da stand schon wieder der Holländer und sagte:

So leid es mir tut, hier kannst du nun mal nicht bleiben.

Chor:

Und dann wurde er in der folgenden Nacht

wieder nach Belgien zurückgebracht.

Sprecher:

So flog er wie ein Spielball immer hin und her

und der kleine Jakob fürchtete sich ein bisschen und dachte:

Wenn ich es nur aushalte! Wenn ich es nur aushalte!

Aber eines Nachts

kam der Belgier grade dazu

wie der Holländer ihn in den dunklen Wald brachte.

Da zankten sich die beiden

und schrien auf einander ein.

Und der Holländer sagte: Du hast angefangen!

Und der Belgier sagte: Du hast angefangen!

Und sie schrien und schimpften und tobten so laut

dass der Mond sich hinter den Wolken versteckte.

Aber als es gerade so aussah, als ob es Mord und Totschlag geben würde

und als der kleine Jakob schon zu fürchten begann

sie würden sich etwas zu leide tun

da sahen sich die beiden plötzlich ganz vertraulich an

gaben sich die Hände: So!

und sagten:

Warum können wir uns nicht vertragen?

Warum sollen wir uns selber schlagen?

Das tut schliesslich nur uns selber weh!

Statt uns miteinander zu verkrachen

suchen wir uns lieber einen Schwachen

und verhauen und verdreschen und verprügeln ihn gemeinsam

mit Juchheiserassa und Juchhe!

Chor:

mit Juchheiserassa und Juchhe!

Sprecher:

Und dann schlugen beide im Verein

auf den armen kleinen Jakob ein

Chor:

Und dann schlugen beide im Verein

auf den armen kleinen Jakob ein

Sprecher:

bis ihnen die Puste ausging

und bis da schliesslich auch nicht mehr viel zu schlagen war.

Dann wurde der kleine Jakob von dem Belgier

an die französische Grenze gebracht.

Und so zog er wieder ohne Geld

ein Stück weiter in die weite Welt

Chor:

und so zog er wieder ohne Geld

ein Stück weiter in die weite Welt.

IV

Sprecher:

So kam er schliesslich nach der grossen Stadt Paris.

Da ging er in den Strassen umher und staunte

über die vielen fröhlichen Menschen

die vor den Cafés bei den Koksöfen sassen

und fühlte sich sehr allein

denn er konnte gar nicht froh sein

und er fror und hungerte.

Nur in den Asylen wo er schlief

da fand er viele die waren wie er

blass mit schäbigen Kleidern und unrasiert.

Sie spielten Karten und erzählten sich

wie es ihnen ergangen war

bis der Wärter das Licht auslöschte.

Aber dann wurde es Frühling. Im Luxemburg-Garten

kamen die gelben Narzissen ans Licht.

Die Luft duftete nach Sonne, jungen Blättern und Aperitifs

und eines Mittags als er auf einer Bank

mit einem jungen Mädchen zusammensass, da sprach er sie an.

Sie plauderten vom Wetter und sahen dass sie sich gern hatten.

Sie blieben beieinander bis zum Abend

und tanzten zusammen in einem kleinen rauchigen Lokal

und sagten Du zueinander.

Da begann er sich wohl zu fühlen in den schmalen Hotelzimmern

unter den Dächern von Paris

und lernte viele Menschen kennen, die waren sehr freundlich zu ihm

und halfen ihm und machten ihm Komplimente

und grosse Firmen gaben ihm Aufträge

für Plakate und Modeentwürfe

und er fing bereits an sich einen Namen zu machen

Da holte ihn die Polizei

weil er keine Arbeitserlaubnis hatte

und sperrte ihn ins Gefängnis.

Und als kurz darauf der grosse Krieg ausbrach

zwischen Deutschland und Frankreich und England

wurde er mit vielen seinesgleichen in ein Lager geschafft.

Da hungerte er sehr, denn es gab gewöhnlich

nur Kartoffelsuppe, Kaffee und Brot.

Sie machten sich Spielkarten aus alten Kartons

und kneteten sich Schachfiguren aus altem Brot

und wenn es regnete

dann rann der Schmutz in ihre Hütten.

Die grauen Ratten kamen aus ihren Löchern

und frassen was sie konnten.

Und dann eines Tages

hörte man das Trommelfeuer

der grossen Kanonen in der Ferne.

Die Offiziere wurden böse und aufgeregt

und drohten mit Revolvern, wenn

einer zu nahe ans Gitter kam.

Dann ratterten ganz in der Nähe Maschinengewehre

Flugzeuge kreisten niedrig über dem Lager.

Zweihundert Schritte von seinem Eingang erschien

auf Motorrädern eine Handvoll Deutscher und forderte

dass man ihnen die Insassen übergab...

Da weigerten sich die Franzosen.

Sie sammelten sich um ihre Maschinengewehre

und einige rückten gegen die Deutschen vor.

Aber als es gerade so aussah

als wollten die Franzosen sich zur Wehr setzen

und als würde es ein blutiges Gefecht geben

da traten auf beiden Seiten die Offiziere hervor

winkten beruhigend ihren Soldaten, gingen

ernst in gemessenem Schritt auf einander zu

grüssten

schlugen die Hacken

und dann

sahen sie sich plötzlich ganz vertraulich an

gaben sich die Hände: So!

und sagten:

Warum sollen wir uns nicht vertragen?

Warum wollen wir einander schlagen?

Das tut schliesslich nur uns selber weh!

Statt uns miteinander zu verkrachen

suchen wir uns lieber einen Schwachen

und verhauen und verdreschen

und verprügeln ihn gemeinsam

mit Juchheiserassa und Juchhe!

Chor:

mit Juchheiserassa und Juchhe!

Sprecher:

Und dann schlugen beide im Verein

auf die Leute in dem Lager ein

Chor:

und dann schlugen beide im Verein

auf die Leute in dem Lager ein

Sprecher:

bis ihnen die Puste ausging

und bis da schliesslich auch nicht mehr viel zu schlagen war.

Französische Wachen versteckten am Abend

den Jakob und einige andre im Ufergebüsch

sie brachten sich nachts mit ihnen zusammen in Sicherheit.

Und dann zog der Jakob ohne Geld

wieder ein Stück weiter in die Welt

Chor:

und dann zog der Jakob ohne Geld

wieder ein Stück weiter in die Welt.

V

Sprecher:

Ja, liebe Leute, dieses ist

die wahre Geschichte von dem armen Jakob.

Er wanderte von Land zu Land

über die weite Erde hin

ruhte hier ein wenig, rastete dort eine Weile

aber er konnte nirgends lange bleiben.

Denn immer wenn die Unruhe unter den Völkern wuchs

wenn sie sich lauter und lauter bedrohten mit Tod und Zerstörung

gefangen im Dickicht ihres gegenseitigen Hasses

wie Fische im Netz

dann war er unter den ersten den sie schlugen.

Und er musste weiterwandern

vorbei an den anderen die noch ruhig vor ihren Häusern sassen

und er sagte ihnen, sich bereit zu halten für das Ungewitter, das im Kommen war.

Aber die Menschen hörten ihn nicht. Denn er war machtlos

und ein Geschlagener.

Furchen zogen über sein Gesicht und Narben über seinem Leib

und sein Haar wurde grau.

Aber die Augen blieben klar

und stark auf ihre Weise

denn er hatte Vieles gesehen:

die Menschen von innen, Schläger und Geschlagene

ohne ihre Verhüllungen.

Und es gab nur noch wenig vor dem ihm schauderte.

Da redete er nicht mehr viel. Die kleinen Falten

zogen sich fester um seinen Mund.

Nur manchmal

wenn er für Monate gefangen sass mit anderen Geschlagenen

oder an Deck eines Schiffes

auf der Reise nach einem unbekannten Land

oder auch

in einer der kleinen Tavernen am Rande der südliche Städte

wo man die warmen Nächte hindurch

billigen Wein trank und Geschichten erzählte und Lieder sang

da begann er manchmal zu erzählen:

von den Erschlagenen und von denen die sich gerettet hatten

von den Liebesleuten, die auseinandergerissen wurden und sich nie mehr fanden

und von denen die verschickt wurden

ohne zu wissen wohin.

Er erzählte von Feinden und wie sie zu bekämpfen, denn so ist unsere Erde

aber ohne Bitterkeit

und dass auch sie Getriebene sind wie wir alle

und im Grunde ohne Schuld.

Er erzählte von den Menschen und wie er Gefallen an ihnen fand

auch ohne ihre Masken

kunstfertig wie sie waren und verspielt und arbeitsam

faul und verträumt und grausam, grosse Kinder

wenn man sie spielen liess

und wilde Tiere wenn die Furcht sie packte

und die Wut über sie kam

und am nächsten noch den andren Menschen auf die er wartete

wenn sie ganz machtlos waren

oder teilten die Macht.

So erzählte er bis zum Morgengrauen.

Und sang ihnen Lieder und trank den Wein

und wenn sie unruhig wurden und in Unmut

zu raufen begannen: über Äpfel oder ein Fässchen Wein

dann redete er ihnen zu sich zu vertragen

und sich die Hände zu geben:

So!

und er sprach zu ihnen und sagte:

Warum können wir uns nicht vertragen?

Wir haben nichts als uns.

Warum sollen wir uns selber schlagen und wehtun?

Diese Erde hat genug des Guten

Früchte, Wein und Korn

warum solln die Schwächeren im Zorn

der Stärkeren verbluten?

Raufen wir uns um ein Fass voll Wein

bricht das Fass in Trümmer, hat am Ende keiner was

schenket friedlich ein

jeder kriegt ein Glas.

Da sangen sie alle und tranken

und der alte Jakob freute sich der Menschen so wie sie waren

bald gut, bald schlecht, wie es die Zeitläufe brachten.

Aber am Morgen machte er sich wieder auf seinen Weg

und wenn sie ihn nicht totgeschlagen haben.

Sprecher und Chor:

wandert er noch immer ohne Geld

ein Stück weiter um die weite Welt.