Weihe der Schönheit
H. Nägeli
Die Schönheit ist des Guten Hülle;
Der Schönheit wollen wir uns freun,
Und bei der schönen Gaben Fülle
Nicht Menschen nur auch menschlich sein.
Du, Blume, sollst uns kränzen;
Du, edler Wein, uns glänzen!
Schenk' ein, o Mädchen! Schall', o Chor!
Das schone Mädchen singt uns vor!
Ich schenk' in hellgeschlissne Becher
Euch gern den edlen Feiertrank;
Als weise Trinker, nicht als Zecher,
Genießt ihr menschlich mit Gesang.
Die Seele schweb' erhaben
Zum Geber aller Gaben,
Der uns dies schöne Paradies
Mit Menschensinn bewohnen hieß!
In tausendfacher Schönheit pranget
Nicht Blume nur, auch Blüthenbaum,
Auch Frucht und Traube; daß verlanget
Der Geist und nicht allein der Saum.
Es blühe nicht vergebens
Die Blum' auch unsres Lebens!
Des Blattes schöne Raupe kreucht,
Entschläft, wird schöner Sylph', und steigt!
Wo ist er, der uns Menschen wieder
Als Waldgeschlecht nur weiden heißt,
Ohn' einmal aufzuschaun, wer nieder
Vom schönen Baum die Eichel geußt?
Sein Herz erfreute nimmer
Der Blume Duft und Schimmer;
Sein Ohr, zu fühllos für Gesang,
Vernahm nur Golds- und Schellenklang!
Die Harmonie gemeßner Rede
Rief Waldgeschlecht, zu baun das Feld;
Die Harmonie entschied die Fehde
Dem Volk, das Dorf und Stadt gesellt.
Durch Lieder lehrt' Erfahrung,
Und Gottes Offenbarung;
In Liedern trug der fromme Chor
Der Erstlingsopfer Dank empor.
Der Menschenrede Reiz und Klarheit
Erhob des Denkers kühnern Flug:
Von Wahrheit flog er auf zu Wahrheit,
Und sah herab auf Wahn und Trug.
Doch niemals lockt er Hörer,
Der hohen Weisheit Lehrer;
Ward nicht in schöner Rede Bild
Ihr Götterstrahl sanft eingehüllt?
Der Weise lehrt das Herz der Menge
Sich edler Menschlichkeit erfreun;
Ihm ward's durch Red' und Gesänge
Ein Volksverschönerer zu sein.
Wenn gleich durch Zwang gelähmet,
Sein armes Volk sich grämet;
Durch ihn an Geist und Sinn geklärt,
Erhebt sich's einst der Freiheit werth.
Nicht fröhnet, niedres Geizes Diener,
Der freie Geist nur Brot zu baun;
Geweiht der Schönheit, strebt er kühner
Aus unsrer Sklavenzeiten Graun.
Ihm tanzt der Musen Reihen
Mit Grazien im Freien
Und hoch entzückt ein Grieche schon,
Bemerkt er weder Dank noch Hohn.