Wüstenklänge

H. Sommer

Andalusiens Zaubergarten

Schauert nächtlich Blüthen nieder,

Auf des dunkeln Wüstensohnes

Stürmisch heiße Liebeslieder.

Ach! er sucht die Wüstenblume,

Sucht die flüchtige Gazelle,

Die Oasis seiner Augen,

Seines Herzens frische Quelle.

Und er hemmt den Strom der Lieder,

Athemlos hinauszulauschen,

Zärtlich senden weiße Blumen

Ihren Duft, ihn zu berauschen.

Reich geschmückt, von Golde glänzend,

Steht das Haus im Mondenscheine.

Stille rings; nur seine Klage

Zittert durch die Nacht alleine.

Nicht Paläste hat die Wüste,

Doch der Theuern Zelt zu schmücken,

Wagt er manchen blutgen Kriegszug,

Nur nach neuen Teppichstücken,

Nur um ihre beiden Grübchen,

Ihrer Zähne Glanz zu schauen,

Während ihre Worte perlend

Auf sein heißes Herze thauen.

Als ein fremder Scheich sie raubte,

Hört er ihren Angstruf hallen,

Auf dem Hengste hat er windschnell

Ihren Räuber überfallen.

Blutig war und heiß das Ringen,

Bis der Scheich sich wälzt im Sande,

Bis sein Falkenauge brechend

Zu ihr schweift im letzten Brande. -

"Ewig will ich Dir gehören!"

Sprach sie sanft, den Hengst besteigend,

Und an seine Brust ihr Köpfchen

Ohne Widerstreben neigend.

Doch, als wieder er gekommen,

Sie zu mahnen, sie zu fragen,

War verschwunden die Geliebte,

Vom Samume fortgetragen.

Furchtbar war sein Schmerz zu schauen:

Mit zerrissenem Gewande

Fluchte er der Maid, dem Schicksal,

Stöhnend in dem heißen Sande,

Raffte sich empor, um hallend,

Weithin einen Schwur zu schwören,

Durch die ganze Welt das Mägdlein

Nie zu suchen aufzuhören.

Andalusiens Zaubergarten

Hat ihn endlich aufgenommen,

Und vor ihres Hauses Schwelle

Ist er singend angekommen.

Nacht um Nacht will mit den Liedern

Aus der Heimat er sie rühren,

Um sie, in den starken Armen,

In die Wüste zu entführen.

Aber Andalusiens Düfte

Haben sie zu lind umfangen,

Nach der ernsten Heimath hegt sie

Wohl schon längst nicht mehr Verlangen!

Horch! da nah'n Gazellenschritte,

Und Gazellenaugen leuchten!

Will der Thau vom Himmel fallen,

Um die Erde zu befeuchten?

Und zwei weiße Arme schlingen

Sich um seinen Nacken; Flehen

Klingt in seinem Ohre: "Trauter!

Liebst du mich, so mußt Du gehen!

Jedes Deiner süßen Lieder

Bringt nur Bangen, Schmerz und Noth mir,

Deine Liebe zu genießen,

Brächte mir den sichern Tod mir.

Die Gazelle liegt gefangen,

Hat die Freiheit fast vergessen,

Darf im Traume kaum mehr wissen,

Daß sie Dich dereinst besessen!"

Und zwei Lippen hängen trunken

An den Seinen. Blitzesschnelle

Zuckt sein Stahl und birgt im Busen

Bis an's Heft sich der Gazelle.

An dem nächsten Baum zerschmettert

Liegt die Leyer: "So erreiche

Meine Rache ihren Vater,

Ihren Stamm mit einem Streiche!"

Einmal muß er zu der holden,

Stummen Braut sich niederbücken,

Auf die kalten, weißen Lippen

Einen heißen Kuß zu drücken.

Dann erhebt er sich und wendet

Sich zur fernen Heimat wieder. -

Andalusiens Zaubergärten

Regnen zärtlich Blüthen nieder.