An Sie

H. Vieuxtemps

Du bist so tief, so unergründlich,

Wie ein Rätsel deutungsvoll,

Bald weich und wild, bald unempfindlich,

Bewegt von Liebe oder Groll...

Du bist so schön, wenn du begehrend

Im Auge Liebesflammen trägst,

Und schöner noch, wenn du gewährend

Die seid'ne Wimper niederschlägst.

Du bist so wild in deinem Feuer,

So stürmisch sonder Rast und Ruh,

Und doch ist keine keine treuer

Und keine züchtiger wie du.

Du bist so hold, so sanft und innig,

Wenn du zum Kuß herab mich ziehst,

Und doch so kalt, so eigensinnig,

Wenn zürnend du von hinnen fliehst.

Du bist so still, von Leid getroffen,

So düster und so marmorbleich,

Doch in der Freude warm und offen

Der aufgeblühten Rose gleich.

Du bist so fromm wie eine Taube

Und doch dabei so schlangenklug,

Das schönste Rätsel, wie ich glaube,

Das je die dunkle Erde trug.

Und weil du just so unverständlich

Und doch so offen bist und klar,

Ist meine Liebe undendlich

Und so tief, so heilig und so wahr...