Sangeslust

H. Winkelmeier

Es rauscht der Wald ein stolzes Lied,

es rauschen Wind und Wellen;

es rauscht am See das schwanke Ried,

das ist ein Klang, der weiterzieht,

das ist ein Drang und Schwellen!

O sieh', wie rings die Blumen all'

die Blütenfahnen schwingen!

Da musst auch du mit Jubelschall

gleich munter'n Lerchen singen.

Es musiziert der ganze Wald,

es rauscht von allen Zweigen;

kann bei der Töne Allgewalt

im grünen, blütenreichen Wald

des Menschen Lippe schweigen?

Und ähnlich wie vom Felsenwall

die munter'n Bäche springen,

so musst auch du mit Jubelschall

aus vollem Herzen singen.

Wirf ab, was deine Seele drückt,

entschlage dich der Sorgen;

Solang' dein Haupt ein Veilchen schmückt,

Solang' dein Herz ein Lied entzückt,

bist du vor Gram geborgen.

So wie im Feld die Lerchen all'

sich wirbelnd aufwärts schwingen,

so soll dein Lied mit Jubelschall

bis in die Wolken dringen.

Kurz ist des Lenzes Wonnezeit,

kurz seines Jubels Reigen;

der Wald verliert sein grünes Kleid,

dann rauscht er dir sein tiefes Leid

mit welken, dürren Zweigen.

Du aber sollst des Frühlings Lust

dir treu und fest bewahren

und singen noch aus voller Brust

In silberweißen Haaren!