Orfeo ed Euredice
Haydn, Joseph
SYSTEMERSTER AUFZUG
SYSTEMOuvertüre
Ein Hain mit dem Grabmal der Eurydike
SYSTEMERSTE SZENE
Orpheus, Chor
CHORO wenn in diesen dunklen Hainen,
CHOREurydike, noch dein Schatten
CHORum dein ödes Grabmal schwebt -
ORPHEUSEurydike!
CHORAch, so höre diese Klagen,
CHORsieh die Tränen,
CHORdie wir trauernd vergiessen für dicht
ORPHEUSEurydike!
CHORSieh deinen Gatten, den Verlass'nen, weinen,
CHORrührt sein Klagen dich nicht?
ORPHEUSEurydike!
CHORDu Entfloh'ne, kehr ihm wieder!
CHORBange Trauer beugt tief ihn nieder,
CHORkomm, Teure, banne den tötenden Gram!
ORPHEUSO Freunde, dieses Klagen vermehrt nur meine Leiden!
ORPHEUSDen heiligen Manen Eurydikens
ORPHEUSbringt nun das letzte Totenopfer,
ORPHEUSund streuet Blumen auf ihr Grab.
Während der Pantomime bekränzen die Gefährten das Grabmal der Eurydike, die Nymphen streuen Blumen.
CHORO wenn in diesen dunklen Hainen,
CHOREurydike, noch dein Schatten
CHORum dein ödes Grabmal schwebt,
CHORach, so höre diese Klagen,
CHORsieh die Tränen,
CHORdie wir trauernd vergiessen für dich
Während des Nachspiels entfernt sich langsam der Chor.
ORPHEUSLasst mich allein!
ORPHEUSDies Grab ist meinem Schmerze heilig,
ORPHEUSund keiner sei mit mir
ORPHEUSals nur mein Kummer.
SYSTEMZWEITE SZENE
Orpheus allein.
ORPHEUSSo klag' ich ihren Tod
ORPHEUSdem frühen Morgenrot,
ORPHEUSdem Abendschimmer;
ORPHEUSdoch sie, des Orkus Raub,
ORPHEUSbei meinem Rufen taub,
ORPHEUSantwortet nimmer.
ORPHEUSEurydike, Eurydike!
ORPHEUSTeurer Schatten! Ach, wie weit bist du?
ORPHEUSDein Gemahl, tief in Trauer versenkt
ORPHEUSund gefoltert vom Schmerz,
ORPHEUSruft dich immer,
ORPHEUSfordert von den Göttern dich wieder.
ORPHEUSDie Winde, ach, entführen seine Klagen.
ORPHEUSWehklagend irr ich so,
ORPHEUSdort, wo sie mir entfloh,
ORPHEUSam Ufer nieder;
ORPHEUSdes süssen Namens Schall
ORPHEUStönt dann der Widerhall
ORPHEUSmitleidig wieder.
ORPHEUSEurydike, Eurydikel
ORPHEUSDein süsser Name tönt überall.
ORPHEUSDer Hain hat ihn oft von mir gehört,
ORPHEUSjedes Tal kennet ihn;
ORPHEUSin entlaubte Stämme,
ORPHEUSin die Rinde junger Eichen
ORPHEUSgrub meine Hand ihn zitternd.
ORPHEUSEurydike ist nicht mehr,
ORPHEUSach! und ich lebe noch!
ORPHEUSGötter, gebt Leben ihr wieder
ORPHEUSoder gebt auch mir den Tod!
ORPHEUSWeinend gedenk ich dein,
ORPHEUSfrüh, wenn der Tag erscheint,
ORPHEUSspät, wenn er schwindet.
ORPHEUSVoll Mitleid mit meiner Qual,
ORPHEUSmurmelt der Fluss im Tal,
ORPHEUSwer nur gibt Antwort mir.
ORPHEUSGrausame Götter Acherons,
ORPHEUSdes Reichs der Schatten,
ORPHEUSihr, die ihr herrschet mit Schrecken,
ORPHEUSdienstbar Plutos Machtgebote,
ORPHEUSdie ihr begierig seine Befehle erfüllt,
ORPHEUSdie nichts erweicht und rührt,
ORPHEUSnicht die Jugend, nicht die Schönheit;
ORPHEUSihr habt mir geraubt die zärtlich treue Gattin,
ORPHEUSo welch' hartes Geschick!
ORPHEUSNicht sie, im Zauber holder Jugend,
ORPHEUSverschonte eure Hand voll Mord und Raubbegier?
ORPHEUSUnerbittliche Tyrannen!
ORPHEUSIch ford're sie zurück!
ORPHEUSJa, ich steige hinab zu des Orkus Gestaden;
ORPHEUSmeine Klagen, meine Tränen sollen beugen euren Grimm;
ORPHEUSkühn mit eurer Wut mich zu messen,
ORPHEUSfühl ich Kraft, fühl ich Mut genug!
SYSTEMDRITTE SZENE
Orpheus. Amor
AMORGott Amor kommt zum Trost dem verzweifelnden Gatten.
AMORVertraue mir, denn Zeus hat dein Schicksal gerührt.
AMORZum Reich des Orkus darfst du gehen;
AMORdort siehst du Eurydike im stillen Reich der Schatten.
AMORDeines Harfenspiels Harmonien
AMORstimme dort an mit milder Glut;
AMORbezähmst du der Tyrannen entsetzliche Wut,
AMORwirst du aus jenem Reich mit ihr in Frieden ziehen.
ORPHEUSWie, ich soll sie wiedersehn?
AMORDeines Harfenspiels Harmonien
AMORstimme dort an mit milder Glut;
AMORbezähmst du der Tyrannen entsetzliche Wut,
AMORwirst du aus jenem Reich mit ihr in Frieden ziehen.
ORPHEUSWie, ich soll sie wiedersehn?
AMORJa; doch vernimm' vorher,
AMORwas dir nach der Götter Geheiss
AMORauferlegt zu tun und zu dulden.
ORPHEUSO kein Befehl schreckt mich zurück,
ORPHEUSfür sie besteh' ich jede Prüfung.
AMORSo höre, was dir Zeus befiehlt:
AMOREh du die Erde erreichest,
AMORhüte dich, einen Blick auf die Gattin zu tun,
AMORsonst verwirkst du ihr Leben und verlierst sie auf ewig.
AMORSo lautet das Gebot, so verlangt es Zeus!.
AMORSeiner Gnade bezeig dich wert!
AMORMit Freuden den Willen
AMORder Götter erfüllen,
AMORvor ihnen sich beugen,
AMORund dulden und schweigen,
AMORbeglücket den Mann.
AMORSoll süsses Entzücken
AMORdich wieder beglücken,
AMORso hemme die Klage,
AMORdie seligsten Tage
AMORerwarten dich dann.
SYSTEMVIERTE SZENE
Orpheus allein.
ORPHEUSWas hör' ich? Ist es wahr?
ORPHEUSEurydike werde ich sehn,
ORPHEUSmeine Eurydike?
ORPHEUSDoch doppelt Leiden wird mich erfüllen
ORPHEUSin jener Stunde,
ORPHEUSwenn ich, berauschet vor Wonne,
ORPHEUSauf sie nicht dürfte blicken,
ORPHEUSnicht drücken sie ans Herz!
ORPHEUSO du Geliebte,
ORPHEUSBeute wirst du tödlichem Schmerz!
ORPHEUSSchon seh' ich keine Wahl!
ORPHEUSMich foltert dies Schreckensbild;
ORPHEUSach, schon bei dem Gedanken
ORPHEUSfühl ich in den Adern erstarren mein Blut.
ORPHEUSTragen will ich's, ich will es mutig vollenden!
ORPHEUSMein Unglück, nicht länger ist's zu tragen,
ORPHEUSund lieber will ich erliegen den Gefahren,
ORPHEUSals ohne sie leben!
ORPHEUSGötter, leiht mir euren Schutz,
ORPHEUSich werde gehorchen!
SYSTEMZWEITER AKT
Eingang zur Unterwelt mit dem Styx
SYSTEMERSTE SZENE
Chor der Furien und Geister der Unterwelt. Später Orpheus.
Orpheus lässt seine Leier erklingen
CHORWer ist der Sterbliche,
CHORder dieser Finsternis zu nahen sich erkühnt
CHORder diesem Schreckensort: so frevelnd trotzt?
CHORWer ist der Sterbliche,
CHORder dieser Finsternis zu nahen sich erkühnt,
CHORder diesem Schreckensort so frevelnd trotzt?
CHORTödlicher Schrecken, Entsetzen ergreife ihn,
CHORwenn ihm mit schrecklichem Drohen
CHORden Eingang der Zerberus wehrt.
ORPHEUSAch, erbarmet, erbarmet euch mein l
ORPHEUSFurien!
CHORNein!
ORPHEUSLarven!
CHORNein!
ORPHEUSFurchtbare Schatten!
CHORNein!
ORPHEUSIn eure Seelen dringe meines Herzens tiefe Pein!i
CHORNein, nein, nein!
CHORJammernder Sterblicher,
CHORwas willst, was suchst du hier?
CHORDunkel und Mitternacht,
CHORÄchzen und Winseln wohnt
CHORin diesen schrecklichen, traurigen Kreisen!
CHORWas willst, was suchst du hier,
CHORjammernder Sterblicher? Was?
CHORHier ist der Aufenthalt
CHORfurchtbarer Todesangst,
CHORhier tönt nur Klaggeschrei,
CHORhier herrscht nur Qual.
ORPHEUSTausend Qualen, drohende Schatten,
ORPHEUSsind wie euch auch mir beschieden;
ORPHEUSdie Hölle selbst tobt in mir,
ORPHEUSihr Feuer glüht durch meine Brust.
CHORWelch ungewohnter Trieb,
CHORzärtlich und mitleidvoll,
CHORhemmt unsern Widerstand,
CHORflösst uns Erbarmen ein,
CHORschmilzt uns das Herz?
ORPHEUSTodesgötter, höret gnädig
ORPHEUSmeinen Jammer, meine Klagen!
ORPHEUSJa, habt Mitleid für mein Leiden
ORPHEUSund verlass'ner Liebe Schmerz!
ORPHEUSHeget Mitleid für mein Leiden
ORPHEUSund verlor'ner Liebe Quall
CHORSein sanftes Trauerlied,
CHORsein banger Klaggesang
CHORweckt unser Mitgefühl,
CHORstimmet uns mild für ihn,
CHORhat uns besiegt.
CHORÖffnet, ihr ewigen,
CHORehernen Pforten, euch!
CHORLasst in die Unterwelt
CHORruhig den Helden ziehn,
CHORder uns bezwang!
Die Furien sind allmählich verschwunden, ihr Gesang verklingt in einem undeutlichen Gemurmel. Nachdem sich die Bühne geleert hat, schreitet Orpheus der Unterwelt zu.
SYSTEMVerwandlung
Gefilde der Seligen
SYSTEMZWEITE SZENE
CHOREurydike, Chor der seligen Geister
EURYDIKE, CHORDiese Auen sind seligem Frieden
EURYDIKE, CHORund der Ruhe nur geweiht,
EURYDIKE, CHORhier lacht den Geistern, vorn Leben geschieden,
EURYDIKE, CHORnur Seligkeit.
EURYDIKE, CHORHier versiegen ewig des Grames Tränen,
EURYDIKE, CHORhier quält das Herz kein irdisch Sehnen,
EURYDIKE, CHORnur Freud und Wonne atmet die Brust;
EURYDIKE, CHORhier, wo nie des Kummers Klagen tönen,
EURYDIKE, CHORherrscht nur Entzücken und Lust.
SYSTEMDRITTE SZENE
Orpheus
ORPHEUSWelch reiner Himmel deckt diesen Ort!
ORPHEUSEin sanft'res Licht strahlt meinem Blick;
ORPHEUSund welch harmonischer Gesang
ORPHEUSder zart beflügelten Sänger
ORPHEUSertönt in diesem Hain!
ORPHEUSDas Säuseln milder Luft,
ORPHEUSder klaren Bäche Murmeln,
ORPHEUSo alles ladet hier zu ew'ger Ruhe ein!
ORPHEUSDoch die Ruhe, die hier alles atmet,
ORPHEUSbringet nicht mir mein Glück zurück!
ORPHEUSNur du, du allein, Eurydike,
ORPHEUSvermagst den Gram
ORPHEUSaus meiner Seele zu verscheuchen!
ORPHEUSNur der Ton deiner süssen Stimme,
ORPHEUSnur dein liebender Blick,
ORPHEUSdein holdes Lächeln
ORPHEUSgeben mir Freud und Wonne wieder.
SYSTEMVIERTE SZENE
Orpheus und Chor der seligen Geister
CHORKomm ins Reich beglückter Schatten,
CHORdu, der treuste liebender Gatten,
CHORkomm, und sei wie wir beglückt!
CHORAmor lohnt dir Treu und Lieder;
CHOREurydike kehret wieder,
CHORmit des Himmels Reiz geschmückt.
ORPHEUSO sel'ge, beglückte Schatten,
ORPHEUSgebt sie, um die ich klage,
ORPHEUSo gebt sie mir zurück!
ORPHEUSKönntet ihr je empfinden,
ORPHEUSwelch Feuer mich verzehret,
ORPHEUSwelch liebevolles Sehnen
ORPHEUSmir die Brust durchglüht,
ORPHEUSlängst wär sie wieder mein,
ORPHEUSdie Geliebte, die Holde;
ORPHEUSgebt sie mir, gebt sie mir zurücki
CHORNun wohlan! sie sei wieder dein!
SYSTEMFÜNFTE SZENE
Orpheus und Chor der seligen Geister
CHORAus dem Reich beglückter Schatten
CHORkomm zurück zu deinem Gatten,
CHORlass ihn deines Blicks sich freu'n!
CHORSeligkeit wird dir aufs neue;
CHORseine Liebe, seine Treue
CHORwird dein zweiter Himmel sein.
Eurydike wird von einer Schar seliger Geister Orpheus zugeführt. Ohne sie anzusehen, ergreift er hastig ihre Hand und führt sie rasch hinweg.
SYSTEMDRITTER AKT
Eine finstere Höhle, im Innern ein Labyrinth von herabgestürzten Felsblöcken und Trümmern, der Boden bedeckt von wildem Strauchwerk und Pflanzen.
SYSTEMERSTE SZENE
Orpheus. Eurydike.
ORPHEUSSo komm, Eurydike, folge mir,
ORPHEUSdu ewig treu Geliebte,
ORPHEUSfür die ich alles wagte.
EURYDIKEBist du's? Seh ich dich?
EURYDIKEOrpheus! Ist's Täuschung, ist's Wahrheit?
ORPHEUSJa, du siehst deinen Orpheus,
ORPHEUSihn selbst, und lebend noch.
ORPHEUSAus dem Reiche des Todes
ORPHEUSkam ich dich zu befrei'n;
ORPHEUSgerührt durch meine heissen Tränen,
ORPHEUSgaben dich die Götter mir wieder.
EURYDIKEWie, ich leb, ich bin dein?
EURYDIKEGrosse Götter, welch ein Glückl
ORPHEUSFolge mir, Eurydikei Lass uns eilen,
ORPHEUSso lang der Götter Gunst uns bleibet;
ORPHEUSlass fliehen uns den Ort des Todes!
ORPHEUSNicht mehr bist du ein Schatten,
ORPHEUSund Amor will uns vereinen
ORPHEUSzu ewig währendem Glück.
EURYDIKEWas hör ich? So wär's kein Traum?
EURYDIKEO seliges Entzücken!
EURYDIKEMein Orpheus, ewig bleiben wir treu vereint
EURYDIKEdurch Amors zarte Bande?
ORPHEUSJa; nur beeile deinen Schritt!
EURYDIKEDoch deine Hand umschliesst
EURYDIKEnicht mehr die meine!
EURYDIKEWie? Du fliehst meinen Blick,
EURYDIKEden du so sehr geliebt?
EURYDIKEDein Herz ... so kalt,
EURYDIKEso fühllos beim ersten Wiedersehn?
EURYDIKEIst mein Antlitz verblüht,
EURYDIKEall mein Reiz so schnell entflohen?
ORPHEUSWeh mir, grausame Götter!
ORPHEUSEurydike, säume nicht,
ORPHEUSVerzög'rung bringt Gefahr;
ORPHEUSeile weiterf ach, wie gern
ORPHEUSgäb ich dir Beweise meiner Liebe!
ORPHEUSIch darf es nicht,
ORPHEUSo schreckliches Gebot.
EURYDIKENur einen Blick der Liebe!
ORPHEUSAch, du lässt mich erstarren!
EURYDIKEDu Verräter!
EURYDIKEalso dies sind die Freuden,
EURYDIKEdie dein Herz mir bereitet?
EURYDIKEDies ist der Lohn für meiner Liebe Glut?
EURYDIKEO welch grausames Schicksal!
EURYDIKESelbst einen Blick
EURYDIKEkannst du mir jetzt versagen,
EURYDIKEkannst nicht teilen die Wonne
EURYDIKEder liebevollsten Gattin!
ORPHEUSVertraue mir,
ORPHEUSgib keinem Argwohn Raum.
EURYDIKEFührtest du nur zur Qual
EURYDIKEins Leben mich zurück?
EURYDIKEGötter, gern will euer
EURYDIKEGeschenk ich verschmähen!
EURYDIKEGeh, entferne dich, Ungetreuer!
ORPHEUSKomm, und vertrau meiner Treue!
EURYDIKENein, ich bleib! lieber will aufs neue
EURYDIKEich tot und entfernt von dir sein.
ORPHEUSSieh mein Leiden!
EURYDIKELass mich verweilen!
ORPHEUSAch, zur Erde lass uns enteilen,
ORPHEUSdann bin ich auf ewig wieder dein!
EURYDIKERede, gib Antwort, hör mein Flehen!
ORPHEUSUnd sollt' ich vor Gram vergehen,
ORPHEUSwerd' ich verschwiegen doch sein.
BEIDESüss, ihr Götter, ist die Hoffnung,
BEIDEdie ihr mir huldreich habt bereitet;
BEIDEdoch der Schmerz, der sie begleitet
BEIDEwird mich bald dem Tode weihn.
EURYDIKEAch, warum bleibet er
EURYDIKEin diesem starren Schweigen?
EURYDIKEwelch Geheimnis birgt sein Herz?
EURYDIKEHätt' er nur mich entführt
EURYDIKEaus der friedlichen Ruh,
EURYDIKEdass ich erfuhr,
EURYDIKEwie kalt er ist, wie fühllos?
EURYDIKEO welch grausames Los!
EURYDIKESchon schwinden meine Kräfte,
EURYDIKEund meinem trüben Blick
EURYDIKEverdunkelt sich das Licht!
EURYDIKEIch erbeb, seufze schwer;
EURYDIKEbanges Schaudern erfasst mich;
EURYDIKEmir wird kalt ... des Herzens Schläge
EURYDIKEertönen von Angstbedrängnis;
EURYDIKEmächtig greift midi des Todes Wahn ...
EURYDIKEich unterliege meinem Schmerz.
EURYDIKEWelch grausame Wandlung,
EURYDIKEvom Frieden des Todes
EURYDIKEhinüber ins Leben
EURYDIKEvoll Qualen zu gehn!
BEIDERings war ich von Wonne
BEIDEder Sel'gen umgeben,
BEIDEich war zufrieden,
BEIDEund glaubte, das Elend
BEIDEnie wiederzusehn.
BEIDEWie erhöht meine Qual
BEIDEihr schrecklicher Verdacht!
BEIDEWas sag' ich? was tu ich?
BEIDEAch, mich erfasst Verzweiflung!
BEIDEFind' ich nirgends Trost
BEIDEfür ihr gebrochnes Herz?
BEIDEIch erbebe, ich wanke
BEIDEWie bin ich zu beklagen!
BEIDENicht mehr kann ich's ertragen!
EURYDIKEWelch grausame Wandlung,
EURYDIKEvom Frieden des Todes
EURYDIKEhinüber ins Leben
EURYDIKEvoll Qualen zu gehn!
ORPHEUSAch, nun erneut sich mein Jammer!
EURYDIKEMein teurer Orpheus,
EURYDIKEbleibst du ferne?
EURYDIKEFleht dich vergebens
EURYDIKEdeine trostlose Gattin an,
EURYDIKEerbarmungsvoll ihr beizustehn?
EURYDIKEIhr Götter,
EURYDIKEso erbarmet ihr euch mein!
EURYDIKESoll ich mein Leben enden
EURYDIKEohn' einen Blick von meinem Orpheus?
ORPHEUSNicht kann ich mich länger beherrschen;
ORPHEUSbebend erliegt mein Herz,
ORPHEUSall meine Kräfte schwinden;
ORPHEUSnicht acht' ich des Verbotes,
ORPHEUSnicht der Gattin, nicht mein selber.
EURYDIKEAch, erbarme dich, ich fühle schon den Tod.
ORPHEUSErhole dich, du sollst es wissen ...
ORPHEUSvernimm ... was tu ich ...
ORPHEUSO ihr Götter, erlöst ihr mich nicht
ORPHEUSvon diesen Qualen?
EURYDIKELebe wohlt deiner Eurydike erinnre dich!
EURYDIKELebe wohl!
ORPHEUSWo bin ich?
ORPHEUSIhr Kummer zerreisst mir das Herz.
ORPHEUSNein, nicht fordern die Götter
ORPHEUSein so grausames Opfer!
ORPHEUSO geliebte Eurydike ...
wendet sich zu ihr
EURYDIKEMein Orpheus! Ich sink, ich sterbe ...
ORPHEUSAch, was hab ich getan?
ORPHEUSWozu trieb mich die Liebe,
ORPHEUSwohin riss mich ihr herbes Leid?
ORPHEUSTeure Gattin! Eurydike! Holde Gattin!
ORPHEUSAch, sie hört mich nicht mehr;
ORPHEUSach, sie kehrt nicht zurück!
ORPHEUSUnd ich, ja ich, ich selbst gab ihr den Tod;
ORPHEUSdie Verzweiflung verwirrt den Sinn mir,
ORPHEUSmein Schmerz ist ohne Grenzen!
ORPHEUSIn dieser Schreckensstunde
ORPHEUSbleibt mir nichts mehr,
ORPHEUSals nur der Tod, der alles endet.
ORPHEUSAch, ich habe sie verloren,
ORPHEUSall mein Glück ist nun dahin!
ORPHEUSWär, o wär ich nie geboren,
ORPHEUSweh, dass ich auf Erden bin!
ORPHEUSEurydike, gib Antwort
ORPHEUSo vernimm mich!
ORPHEUSO hör'meine Stimme,
ORPHEUSdie dich ruft zurück!
ORPHEUSAch, vergebens!
ORPHEUSRuh und Hoffnung,
ORPHEUSTrost des Lebens
ORPHEUSist nun nirgends
ORPHEUSmehr für mich l
ORPHEUSSo mag der tiefe Schmerz
ORPHEUSmit meinem Leben enden!
ORPHEUSNicht überleb' ich ihn,
ORPHEUSden letzten Schlag des Schicksals.
ORPHEUSNoch ist der Pfad der Unterwelt
ORPHEUSmir offen, und führt mich bald zu dir,
ORPHEUSmeine holde Eurydike.
ORPHEUSJa, nur nach dir, treues Weib,
ORPHEUSverlange ich;
ORPHEUSo verweil, erwarte mich!
ORPHEUSNie mehr sollst du geraubt mir werden,
ORPHEUSdenn auf ewig verein'
ORPHEUSder Tod mich nun mit dir.
SYSTEMZWEITE SZENE
Amor erscheint und entreisst ihm den Dolch
AMORHalt ein! was tust du?
ORPHEUSNein, halt nicht auf diesen Arm,
ORPHEUSdass er ende mein Leid,
ORPHEUSspende Ruh' meiner Seelei
AMORZähme deine Wut, du Betörter!
AMORHalt ein und sieh in mir den Gott,
AMORder über deine Wege wachet!
ORPHEUSSag, was begehrest du?
AMORGenug hat deine Treu
AMORsich erprobt und bewährt;
AMORdarum soll nun dein Leiden sich enden.
AMOREurydike! erwache!
AMORDer so innig dich liebt,
AMORihm gib der Treue Lohn.
ORPHEUSAch, Eurydike!
EURYDIKEMein Orpheus!
ORPHEUSAllgüt'ge Götter,
ORPHEUSwie sollen wir euch würdig danken'
AMORSo zweifelt nie an meiner Macht!
AMORKommt mit zur Oberwelt
AMORaus diesem Ort der Nacht
AMORund geniesst dort auf ewig
AMORder Liebe Seligkeit.
SYSTEMVerwandlung
Ein prächtiger Tempel, dem Eros geweiht
Amor. Orpheus. Eurydike.
Sie werden umgeben von einer Schar Hirten und Hirtinnen, die Eurydikes Wiederkehr feiern.
ORPHEUS, CHORTriumph sei Amor,
ORPHEUS, CHORund alles, was da lebet,
ORPHEUS, CHORschmück' der Schönheit Götteraltar;
ORPHEUS, CHORja, wen sie beglücket,
ORPHEUS, CHORwen sie entzücket,
ORPHEUS, CHORbringet zum Opfer
ORPHEUS, CHORgern sein Herz ihr dar.
AMORWund durch Launen, durch sprödes Zürnen
AMORseufzet oft schwer ein liebend Herz;
AMORdoch kehrt süsse Eintracht wieder,
AMORwandelt in Wonne sich jeglicher Schmerz.
CHORTriumph sei Amor,
CHORund alles, was da lebet,
CHORschmück' der Schönheit Götteraltar;
CHORja, wen sie beglücket,
CHORwen sie entzücket,
CHORbringet zum Opfer
CHORgern sein Herz ihr dar.
EURYDIKEEifersucht schlägt oft herbe Wunden,
EURYDIKEdoch zur Treu führt stets sie zurück;
EURYDIKEArgwohn, den das Herz hat empfunden,
EURYDIKEmehrt, entfliehend, der Liebe Glück.
CHORTriumph sei Amor,
CHORund alles, was da lebet,
CHORschmück' der Schönheit Götteraltar;
CHORja, wen sie beglücket,
CHORwen sie entzücket,
CHORbringet zum Opfer
CHORgern sein Herz ihr dar.