Die Unschuld
J. Anthes
Die Unschuld bringt Freude
und fröhlichen Sinn,
sie führet auf Blumen
durchs Leben uns hin;
sie zieret uns schöner
als Perlen und Gold
und machet gleich Engeln
uns lieblich und hold.
Froh ist wohl das Täubchen
auf ländlichem Dach,
froh hüpfet das Lämmlein
im Grünen am Bach;
doch freudiger schlägt noch
ein schuldloses Herz,
es weiß nichts von Reue,
von Unruh' und Schmerz.
Ihm glänzet die Sonne
noch einmal so klar,
und gold'ner der Sternlein
hellfunkelnde Schar;
die Knospe der Rose
ihm freundlicher lacht,
und milder der blauen
Vergissmeinnicht Pracht.
Die Freuden der Wollust
vergiften das Herz,
sie bringen nur Jammer
und endlosen Schmerz;
sie gleichen dem Abgrund
mit Blumen bedeckt,
der Schlange, die schlau sich
im Grase versteckt.
Gleich welkenden Rosen
verstäubet ihr Glück
und lässt in dem Herzen
nur Dornen zurück.