Frühlingslied im Mai

J. Anthes

Ausgegossen ist durch die Natur

neue Fülle, neues Leben!

Neu geschmückt ist meine Flur,

alle Blumenkeime heben

ihre Häupter wonniglich herauf;

milde Wolke tauen d'rauf!

Angetan mit zartem Brautschmuck lacht

mir der Blütenbaum entgegen

in der Unschuld stiller Pracht

und verkündet reichen Segen.

Und mit Wohlgefallen schaut herab,

der dies neue Leben gab.

Überall, in Tälern, auf den Höh'n

lässt in tausendfachen Chören,

wo der Liebe Flügel weh'n,

sich der Freude Stimme hören.

Von den Blütenwipfeln rauscht der West

säuselnd zu dem Frühlingsfest.

Wonne säuselnd rauscht es in dem Wald,

die erzürnten Winde schweigen.

Nachtigallen-Wettgesang erschallt

aus den silberweißen Zweigen,

flötet schmachtend, seufzt vor Überlust,

leichtert die gepresste Brust.

Erd' und Himmel knüpfen ihren Bund.

Welch ein Geben, welch Empfangen!

Welche Milde hauchet rund!

Welch ein dürstendes Verlangen

trinkt des neuen Segens Füll' hinab!

Welche Wonne strömt herab!

Allgewaltig strömt's in der Natur,

fließt in ihren Adern allen,

aus dem Blütenhaine, auf der Flur

siehst du Opferdüfte wallen.

Horch! Im Einklang aller Kräfte tönt:

Erd' und Himmel sind versöhnt!