Chorus mysticus

J. Röntgen

Heilige Anachoreten

(Gebirgauf vertheilt, gelagert zwischen Klüften).

Chor und Echo.

Waldung, sie schwankt heran,

Felsen, sie lasten dran,

Wurzeln sie klammern an,

Stamm dicht an Stamm hinan;

Woge nach Woge spritzt,

Höhle die tiefste schützt;

Löwen sie schleichen stumm-

Freundlich um uns herum,

Ehren geweihten Ort

Heiligen Liebeshort.

Pater ecstaticus

(auf- und abschwebend)

Ewiger Wonnebrand,

Glühendes Liebeband,

Siedender Schmerz der Brust,

Schäumende Gottes Lust.

Pfeile durchdringet mich,

Lanzen bezwinget mich,

Keulen zerschmettert mich,

Blitze durchwettert mich;

Daß ja das Nichtige,

Alles verflüchtige,

Glänze der Dauerstern

Ewiger Liebe Kern.

Pater profundus

(tiefe Region)

Wie Felsenabgrund mir zu Füßen

Auf tiefem Abgrund lastend ruht,

Wie tausend Bäche strahlend fließen

Zum grausen Sturz des Schaums der Fluth,

Wie strack, mit eignem kräftigen Triebe,

Der Stamm sich in die Lüfte trägt:

So ist es die allmächtige Liebe

Die alles bildet, alles hegt.

Ist um mich her ein wildes Brausen

Als wogte Wald und Felsengrund!

Und doch stürzt, liebevoll im Sausen,

Die Wasserfülle sich zum Schlund,

Berufen gleich das Thal zu wässern;

Der Blitz, der flammend niederschlug

Die Atmosphäre zu verbessern,

Die Gift und Dunst im Busen trug,

Sind Liebesboten, sie verkünden

Was ewig schaffend uns umwallt.

Mein Innres mög' es auch entzünden

Wo sich der Geist, verworren, kalt,

Verquält in stumpfer Sinne Schranken,

Scharfangeschloss'nem Kettenschmerz.

O Gott! beschwichtige die Gedanken,

Erleuchte mein bedürftig Herz.

Pater Seraphicus

(mittlere Region)

Welch ein Morgenwölkchen schwebet

Durch der Tannen schwankend Haar!

Ahn' ich was im Innern lebet?

Es ist junge Geisterschaar.

Chor seliger Knaben

Sag' uns, Vater, wo wir wallen,

Sag' uns, Guter, wer wir sind?

Glücklich sind wir, allen allen

Ist das Daseyn so gelind.

Pater Seraphicus

Knaben! Mitternachts Geborne,

Halb erschlossen Geist und Sinn,

Für die Eltern gleich Verlorne,

Für die Engel zum Gewinn.

Daß ein Liebender zugegen

Fühlt ihr wohl, so naht euch nur;

Doch von schroffen Erdewegen

Glückliche! habt ihr keine Spur.

Steigt herab in meiner Augen

Welt- und erdgemäß Organ,

Könnt sie als die euern brauchen,

Schaut euch diese Gegend an.

(Er nimmt sie in sich.)

Das sind Bäume, das sind Felsen,

Wasserstrom, der abestürzt

Und mit ungeheurem Wälzen

Sich den steilen Weg verkürzt.

Selige Knaben (von innen)

Das ist mächtig anzuschauen;

Doch zu düster ist der Ort,

Schüttelt uns mit Schreck und Grauen.

Edler, Guter, laß uns fort!

Pater Seraphicus

Steigt hinan zu höhrem Kreise,

Wachset immer unvermerkt,

Wie, nach ewig reiner Weise,

Gottes Gegenwart verstärkt.

Denn das ist der Geister Nahrung

Die im freisten Aether waltet:

Ewigen Liebens Offenbarung

Die zur Seligkeit entfaltet.

Chor seliger Knaben

(um die höchsten Gipfel kreisend)

Hände verschlinget

Freudig zum Ringverein,

Regt euch und singet

Heilige Gefühle drein;

Göttlich belehret

Dürft ihr vertraun,

Den ihr verehret

Werdet ihr schaun.

Engel

(schwebend in der höhern Atmosphäre,

Faustens Unsterbliches tragend).

Gerettet ist das edle Glied

Der Geisterwelt vom Bösen:

Wer immer strebend sich bemüht

Den können wir erlösen;

Und hat an ihm die Liebe gar

Von oben Theil genommen,

Begegnet ihm die selige Schaar

Mit herzlichem Willkommen.

Die jüngeren Engel

Jene Rosen, aus den Händen

Liebend-heiliger Büßerinnen,

Halfen uns den Sieg gewinnen,

Und das hohe Werk vollenden,

Diesen Seelenschatz erbeuten.

Böse wichen als wir streuten,

Teufel flohen als wir trafen.

Statt gewohnter Höllenstrafen

Fühlten Liebesqual die Geister;

Selbst der alte Satans-Meister

War von spitzer Pein durchdrungen.

Jauchzet auf! es ist gelungen.

Die vollendeteren Engel

Uns bleibt ein Erdenrest

Zu tragen peinlich,

Und wär' er von Asbest

Er ist nicht reinlich.

Wenn starke Geisteskraft

Die Elemente

An sich herangerafft,

Kein Engel trennte

Geeinte Zwienatur

Der innigen Beiden,

Die ewige Liebe nur

Vermag's zu scheiden.

Die jüngern Engel

[Nebelnd um Felsenhöh'

Spür' ich so eben,

Regend sich in der Näh',

Ein Geister-Leben.

Die Wölkchen werden klar,

Ich seh' bewegte Schaar

Seliger Knaben,]

Los von der Erde Druck,

Im Kreis gesellt,

Die sich erlaben

Am neuen Lenz und Schmuck

Der obern Welt.

Sey er zum Anbeginn,

Steigendem Vollgewinn,

Diesen gesellt!

Die seligen Knaben

Freudig empfangen wir

Diesen im Puppenstand;

Also erlangen wir

Englisches Unterpfand.

Löset die Flocken los

Die ihn umgeben,

Schon ist er schön und groß

Von heiligem Leben.

Doctor Marianus

(in der höchsten, reinlichsten Zelle).

[ Hier ist die Aussicht frei,

Der Geist erhoben.

Dort ziehen Frau'n vorbei,

Schwebend nach oben;

Die Herrliche mitteninn

Im Sternenkranze,

Die Himmelskönigin,

Ich seh's am Glanze.]

(Entzückt.)

Höchste Herrscherin der Welt!

Lasse mich, im blauen,

Ausgespannten Himmelszelt

Dein Geheimniß schauen.

Billige was des Mannes Brust

Ernst und zart beweget

Und mit heiliger Liebeslust

Dir entgegen träget.

Unbezwinglich unser Muth

Wenn du hehr gebietest,

Plötzlich mildert sich die Gluth

Wie du uns befriedest.

[ Jungfrau, rein im schönsten Sinn,

Mutter, Ehren würdig,

Uns erwählte Königin,

Göttern ebenbürtig.]

[ Um sie verschlingen

Sich leichte Wölkchen,

Sind Büßerinnen,

Ein zartes Völkchen,

Um Ihre Knie

Den Aether schlürfend,

Gnade bedürfend.]

Dir, der Unberührbaren,

Ist es nicht benommen

Daß die leicht Verführbaren

Traulich zu dir kommen.

In die Schwachheit hingerafft

Sind sie schwer zu retten;

Wer zerreißt aus eigner Kraft

Der Gelüste Ketten?

Wie entgleitet schnell der Fuß

Schiefem glattem Boden?

[ Wen bethört nicht Blick und Gruß?

Schmeichelhafter Odem?]

Mater gloriosa

(schwebt einher)

Chor der Büßerinnen

Du schwebst zu Höhen

Der ewigen Reiche,

Vernimm das Flehen

Du Ohnegleiche!

Du Gnadenreiche!

Magna peccatrix (St. Lucae VII, 36)

Bei der Liebe, die den Füßen

Deines gottverklärten Sohnes

Thränen ließ zum Balsam fließen,

Trotz des Pharisäer-Hohnes;

Beim Gefäße das so reichlich

Tropfte Wohlgeruch hernieder;

Bei den Locken die so weichlich

Trockneten die heiligen Glieder –

Mulier Samaritana (St. Joh. IV.)

Bei dem Bronn, zu dem schon weiland

Abram ließ die Heerde führen;

Bei dem Eimer, der dem Heiland

Kühl die Lippe durft berühren;

Bei der reinen reichen Quelle,

Die nun dorther sich ergießet,

Ueberflüssig, ewig helle,

Rings durch alle Welten fließet –

Maria Aegyptiaca (Acta Sanctorum)

Bei dem hochgeweihten Orte,

Wo den Herrn man niederließ;

Bei dem Arm, der von der Pforte

Warnend mich zurücke stieß;

Bei der vierzigjährigen Buße,

Der ich treu in Wüsten blieb;

Bei dem seligen Scheidegruße,

Den im Sand ich niederschrieb –

Zu drey

Die du großen Sünderinnen

Deine Nähe nicht verweigerst,

Und ein büßendes Gewinnen

In die Ewigkeiten steigerst,

Gönn' auch dieser guten Seele,

Die sich einmal nur vergessen,

Die nicht ahnte daß sie fehle,

Dein Verzeihen angemessen!

Una Poenitentium

(sonst Gretchen genannt. Sich anschmiegend)

Neige, neige

Du Ohnegleiche,

Du Strahlenreiche,

Dein Antlitz gnädig meinem Glück!

Der früh Geliebte,

Nicht mehr Getrübte,

Er kommt zurück.

Selige Knaben

(in Kreisbewegung sich nähernd)

Er überwächs't uns schon

An mächtigen Gliedern,

Wird treuer Pflege Lohn

Reichlich erwiedern.

Wir wurden früh entfernt

Von Lebechören;

Doch dieser hat gelernt,

Er wird uns lehren.

Die eine Büßerin sonst Gretchen genannt

Vom edlen Geisterchor umgeben,

Wird sich der Neue kaum gewahr,

Er ahnet kaum das frische Leben

So gleicht er schon der heiligen Schaar.

Sieh wie er jedem Erdenbande

Der alten Hülle sich entrafft,

Und aus ätherischem Gewande

Hervortritt erste Jugendkraft!

Vergönne mir ihn zu belehren,

Noch blendet ihn der neue Tag.

Mater gloriosa

Komm! hebe dich zu höhern Sphären,

Wenn er dich ahnet folgt er nach.

Doctor Marianus

(Auf dem Angesicht anbetend)

Blicket auf zum Retterblick

Alle reuig Zarten,

Euch zu seligem Geschick

Dankend umzuarten.

Werde jeder bess're Sinn

Dir zum Dienst erbötig;

Jungfrau, Mutter, Königin,

Göttin bleibe gnädig!

Chorus mysticus

Alles Vergängliche

Ist nur ein Gleichniß;

Das Unzulängliche

Hier wird's Ereigniß;

Das Unbeschreibliche

Hier ist es gethan;

Das Ewig-Weibliche

Zieht uns hinan.