Adagio

J. Röösli

Traum gibt, was Tag verschloß;

Nachts, wenn der Wille erliegt,

Streben befreite Kräfte empor,

Göttlicher Ahnung folgend.

Wald rauscht und Strom, und durch der regen Seele

Nachtblauen Himmel Wetterleuchten weht.

In mir und außer mir

Ist ungeschieden, Welt und ich ist eins.

Wolke weht durch mein Herz,

Wald träumt meinen Traum,

Haus und Birnbaum erzählt mir

Die vergessene Sage gemeinsamer Kindheit.

Ströme hallen und Schluchten schatten in mir,

Mond ist und bleicher Stern mein vertrauter Gespiele.

Aber die milde Nacht,

Die sich über mich mit sanftem Gewölke neigt,

Hat meiner Mutter Gesicht,

Küßt mich lächelnd in unerschöpflicher Liebe,

Schüttelt träumerisch wie in alter Zeit

Ihr geliebtes Haupt, und ihr Haar

Wallt durch die Welt, und es zittern

Blaß aufzuckend darin die tausend Sterne.