An Lyda
J. Rötsch
Immer noch in trüber Schwermuth Schleier
Eingehüllt dein Aug' und thränennaß?
Diese Wange, sonst voll Jugendfeuer,
Wie die halberstorbne Rose blaß?
Immer noch dieß schwärmerliche Sehnen?
Dieses bange Klopfen deiner Brust?
Ach! dieß leise Ächzen, diese Thränen
Klagen laut den schmerzlichen Verlust.
Ja, wohl schmerzlich deinem wunden Herzen,
Denn ich weiß, warum dein Auge weint!
Sieh', ich fühle mit dir deine Schmerzen,
Klage mit dir den verlornen Freund!
Mir auch war ein Freund in ihm entrissen,
Mir leg' offen deinen Kummer dar!
Mich lass' immer -- nur die Welt nicht wissen,
Was er deinem Herzen mehr noch war!
Ach! der Pöbel, der den hehren Namen
Liebe! nur durch Eigennutz entweiht,
Und im stillen der Verläumdung Saamen
Zum Verderben edler Seelen streut;
Der nicht weiß, durch heißer Liebe Flammen
Zu vereinen, was die Satzung trennt,
Ach, er würde christlich dich verdammen,
Daß dein Herz für diesen Jüngling brennt!
Mir nur, Emma, kannst du kühn vertrauen,
Denn mein Herz umzieht kein starres Eis;
Kühn auf dessen ganzes Mitleid bauen,
Der um Alles -- doch zu schweigen weiß!
Wie so öfter, wann ich fern vom Scheine
Der Bemerkung, still und traulich schied,
Mir durch Wink und Nick, und tausend kleine
Schmeichelei'n sich euer Bund verrieth;
Wann ich in des Abends Feierstunden
Euch am stillen Erlenbach belauscht,
Wie ihr freundlich Arm um Arm gewunden,
Treue Küss' um Küsse eingetauscht:
O wie oft begann ich dann zu flehen,
Fürchtend für des Schicksals Unbestand,
Nie mög' euch die Hoffnung hintergehen,
Nie zerreissen euer Liebe Band!
Ach! sie darf so schrecklich wohl nicht ahnden,
Wenn sie träumend bis zur Gottheit fliegt,
O sonst hättest du so festen Banden
Nie getraut -- und früh dein Herz besiegt!
Doch dieß sei nicht Vorwurf! -- Kennt auch Liebe
Ausser sich noch irgend ein Gebot?
Nein, der heissesten der Flammentriebe
Wehrt nicht Menschensatzung, wehrt kein Gott!
Zeugte nicht von seines Geistes Adel
Seines Falkenblickes Flammenglut?
Trug er nicht ein Herz zu groß dem Tadel,
Und in seinen Adern teutsches Blut?
Männlich schön, entschlossen und bescheiden,
Nur für dich, für dich voll Zärtlichkeit,
Wogt' ihm nicht die Brust bei deinen Freuden,
Thränte nicht sein Aug' bei deinem Leid?
Überg'nug der Liebe, um zu lieben!
Nur ein unerbittlich strenges Loos,
Dir mit Demantgriffel vorgeschrieben,
Riß von dir ihn, ach, auf ewig los!
Sieh', drum gönnt' ichs schweigend deinem Herzen,
Daß es Trost und Labung sich erweint.
Fühtle heimlich mit dir deine Schmerzen,
Klagte mit dir den entrißnen Freund!
Nur vergiß nicht: Unter dieser Sonne
Hat in Kronos vollem Stundenglas
Herzeleid so gut, als Herzenswonne
Jegliches sein ihm bestimmtes Maaß!
Unter grauser Stürme Flügeln zittern
Ewig nicht erschüttert Berg' und Thal,
Und nach regenschwangern Ungewittern
Leuchtet neuverklärt der Sonne Strahl!