Erinnerung

K. Lion

Im Kloster Sankt Marien,

Da blüht im holden Licht

Ein Garten, den die Rose

Mit wildem Grün durchflicht.

Verfall'ne Bogengänge,

Die schließen eng ihn ein,

In die erstorb'nen Fenster

Fällt doch sein Himmelschein.

Dort lehnet am Gemäuer

Ein breiter Holderbaum;

Um seine weißen Dolden

Geht still ein alter Traum.

Es hängt die Ave-Glocke

Vergessen and der Wand,

Längst sank, die sie geläutet,

Der letzten Schwester Hand.

Das war ein junge Nonne,

Ihre Hand war voll und weiß,

Das Haar an ihren Schläfen

Wie goldenes Maienreis.

Sie schritt wie eine Hindin

So schön und hochgemut;

Kaum kühlten ihr die Wimpern

Der Augen tiefe Glut.

Und ging sie durch den Garten

Und zog den Glockenstrang,

Da war's, als ob ein Herze

Von nichts als Sehnsucht sang.

Doch einmal klang die Glocke

Am frühen Morgen nicht. --

Die Nonne lag erstochen

Im süßen Maienlicht.

Der Mund war schön geschwungen

In letzterfüllter Lust,

Vom Nachtthau überronnen

War ihre junge Brust.

Dazwischen glüht ein Dolchgriff

Von Gold und Edelstein,

Als schlief ein bunter Falter

Auf einer Lilie ein.

Und Gras und Blumen waren

Am stillen Holderbaum

Gleich einer Jungfrau Bette

Verwirrt von heißem Traum.

Das schöne Sündbild fahen

Die Schwestern schreckensbleich,

Sie flohen um Buße und Kniefall

Ins heilige römische Reich.

Das Kloster stand verödet,

Und zog ein Bursch durchs Land,

Das Grab im stillen Garten

Ward ihm als Spuk genannt. --

Gemäuer und Geschlechter

Zersielen alt und grau,

Bei ihnen schläft die Sage

Der schönen Klosterfrau.

Doch wenn vom Nest ein Vogel

Sich auf die Glocke schwingt,

Geschieht es, daß sie wieder

Wie traumverloren klingt.