Tag und Nacht
L. Héritte-Viardot
Langsam und lang
Verrinnen die Jahre,
Gleichmäßig gleitet
Der Faden der Zeit,
In unübersehbarer Folge
Tage dem Tage verknüpfend,
Durch die eherne Hand
Des blindwaltenden Schicksals
Hinab in das öde Nichts.
Wir leben und sterben,
Hassen und lieben,
Tragen jauchzend das Haupt gleich den Göttern
Und vergehen vor Schmerz:
Aber gleichgültig schlägt jeden Morgen
Der Himmel sein Auge auf,
Das lichtgebärende,
Gleichgültig schreitet die Nacht, die sinnende Göttin,
Dem menschlichen Schicksal vorbei,
Gleichgültig bleibt die Natur
Dem Wogen und Wallen des heißen Herzens.
Und ob Geschlechter vergehen,
Reiche verschwinden,
Sich umgestaltend die Menschheit ringt -
Teilnahmslos faß es die Zeit
In ihren ewig wechselnden,
Ewig stetigen Rahmen
Von Tag und Nacht.