Mit den Wölfen

L. Lehrman

Im nächtlichen Walde humpelt dahin

Die Chaise. Da kracht es plötzlich -

Ein Rad ging los. Wir halten still.

Das ist nicht sehr ergötzlich.

Der Postillon steigt ab und eilt

In's Dorf, und ich verweile

Um Mitternacht allein im Wald.

Ringsum ertönt ein Geheule.

Das sind die Wölfe, die heulen so wild,

Mit ausgehungerten Stimmen.

Wie Lichter in der Dunkelheit

Die feurigen Augen glimmen.

Sie hörten von meiner Ankunft gewiß,

Die Bestien, und mir zu Ehre

Illuminirten sie den Wald,

Und singen sie ihre Chöre.

Das ist ein Ständchen, ich merke es jetzt,

Ich soll gefeyert werden!

Ich warf mich gleich in Positur

Und sprach mit gerührten Gebehrden:

"Mitwölfe! Ich bin glücklich heut

In Eurer Mitte zu weilen,

Wo so viel edle Gemüther mir

Mit Liebe entgegenheulen.

"Was ich in diesem Augenblick

Empfinde, ist unermeßlich;

Ach! diese schöne Stunde bleibt

Mir ewig unvergeßlich.

"Ich danke Euch für das Vertraun,

Womit Ihr mich beehret,

Und das Ihr in jeder Prüfungszeit

Durch treue Beweise bewähret.

"Mitwölfe! Ihr zweifeltet nie an mir,

Ihr ließet Euch nicht fangen

Von Schelmen, die Euch gesagt, ich sey

Zu den Hunden übergegangen,

"Ich sey abtrünnig und werde bald

Hofrath in der Lämmerhürde -

Dergleichen zu widersprechen war

Ganz unter meiner Würde.

"Der Schaafpelz, den ich umgehängt

Zuweilen, um mich zu wärmen,

Glaubt mir's, er brachte mich nie dahin

Für das Glück der Schaafe zu schwärmen.

"Ich bin kein Schaaf, ich bin kein Hund,

Kein Hofrath und kein Schellfisch -

Ich bin ein Wolf geblieben, mein Herz

Und meine Zähne sind wölfisch.

"Ich bin ein Wolf und werde stets

Auch heulen mit den Wölfen -

Ja, zählt auf mich und helft Euch selbst,

Dann wird auch Gott Euch helfen!"

Das war die Rede, die ich hielt,

Ganz ohne Vorbereitung;

Verstümmelt hat Kolb sie abgedruckt

In der Allgemeinen Zeitung.