Der Schwarzdornstab

L. Liebe

Die Sonne scheinet hell und heiß,

Da spricht der Schnee, da ruft das Eis:

"Wir ruhten g'nug auf Thal und Höh'n,

Komm, komm, wir wollen weiter gehn

Und wandern!"

Der Bach, der lang' im Schlummer lag,

Warf seine Decke ab und sprach:

"Steh auf, steh auf, du lust'ge Well',

Der Schlaf ist aus, wir wollen schnell

Nun wandern!"

Das Knösplein lauscht mit offnem Ohr;

Es drängt die grüne Saat empor;

Manch Blümlein kommt in lichtem Schein:

Sie wollen alle Zeugen sein

Beim Wandern.

Am Schwarzdorn, unterm grünen Hag,

Ein junger Bursch im Schatten lag:

Der Schwarzdorn flüstert: "Wär' ich du,

Mir ließe weder Rast noch Ruh

Das Wandern!

Steh auf, steh auf, du fauler Knab',

Schneid dir von mir den Wanderstab,

Wir wollen beide, treugesellt,

Hinausziehn in die weite Welt

Und wandern!"

Manch Jahr schon ziehen kreuz und quer

Die Beiden in der Welt umher.

Und möcht' der Bursche gern nach Haus,

Der Schwarzdorn spricht: "Da wird nichts draus:

Wir wandern!"