Das nußbraune Mädchen

C. Loewe

Es kam zu ihr,

Leis an die Tür,

Ihr Lieb um Mitternacht:

"Tu, Mädchen, auf

Im schnellen Lauf,

Eh jemand hier erwacht!"

Sie tat ihm auf

In schnellem Lauf:

"Ich muß, ich muß von hier,

Zum Tod verdammt

Von Richter amt,

Nehm' Abschied ich von dir.

Ich muß gar bald

In wilden Wald;

Sonst ist's um mich geschehn."

"O nein, o nein!

Es kann nicht sein!

Auch ich will mit dir gehn."

"Was ist der Zeit

Glückseligkeit,

Sie wandelt Lieb' in Not!"

"O Lieber, nein!

Es kann nicht sein,

Uns scheidet nur der Tod!"

"Ach, Liebe, nein!

Ich muß allein,

Bleib' hier und tröste dich;

Es stillt die Zeit

Ja alles Leid,

Sie stillt dir's sicherlich.

Was wird die Stadt,

Die Zungen hat,

So scharf wie Spieß und Schwert,

Für bittre Schmach

Dir reden nach,

Wenn sie die Flucht erfährt?"

"Ach, Lieber, nein!

Es kann nicht sein;

Mich tröstet keine Zeit;

Ein jeder Tag,

Der kommen mag,

Macht neu mir Herzeleid.

Was geht die Stadt,

Die Zungen hat,

Was ihre Schmach mich an?

Komm, Liebster, bald

Zum grünen Wald,

Wenn er uns sichern kann."

"Der grüne Wald

Ist wild und kalt

Und drohet mit Gefahr;

Wenn meine Hand

Den Bogen spannt,

So zitterst du fürwahr!

Er hascht man dich,

So bind't man dich,

So leidest du mit mir;

So folgt auf Not

Der bittre Tod;

Bleib' hier,

Ich rate dir!"

"Nein, Lieber, nein!

Die Lieb' allein

Macht sicher in Gefahr,

Sie giebt dem Weib

Auch Mannesleib

Und Mannesherz fürwahr.

Wann deine Hand

Den Bogen spannt,

Lausch ich für dich und mich,

Und trotze Not

Und trotze Tod

Und sichre mich und dich!"

"Der wilde Wald

Ist Aufenthalt

Für Räuber und fürs Tier;

Kein Dach und Fach

Als Himmelsdach,

Als Laub zur Decke dir!

Dein' Hütt' und Raum

Ist Höhl' und Baum,

Dein Bette kalter Schnee;

Dein kühler Wein

Muß Wasser sein,

Dein Labsal Hungersweh."

"Der grüne Wald

Ist Aufenthalt

Der Freiheit mir und dir.

Folg' ich dir nach,

Was brauch ich Dach?

Was dir ziemt, ziemet mir.

Dein' harte Hand

Tut Widerstand

Dem Räuber und dem Wild,

Schafft Speis' und Trank,

Und lebenslang

Die Quelle süß mir quillt!"

"Wohlan, so sei

Denn fest und treu,

Und hör ein ander Wort.

Der grüne Wald

Ist Aufenthalt

Für meine Buhle dort.

Die lieb' ich sehr

Und lieb' sie mehr

Als dich, die alt mir ist,

Nun wähle dort

Den Ruheort

Ohn' allen Weiberzwist."

"Laß immer sein

Die Buhle dein

Im grünen Walde dort;

Ich will, wie dir,

Auch folgen ihr,

Will horchen ihrem Wort,

Und lieben dich,

Und üben mich,

Und wären's mehr auch noch!

In süßer Pflicht

Und fehlen nicht

Der Liebe süßem Joch!"

"O Liebste mein,

Kein Flitterschein,

Kein Wandel ist in dir!

Von allen je,

Die ich erseh,

Bist du die Treue mir!

Sei frei und froh,

Es ist nicht so,

Ich bin nicht fortgebannt!

Sei ohne Harm,

Ich bin nicht arm,

Ich bin ein Graf im Land!"

"Sei was du bist,

Die mit dir ist,

Ist immer Königin!

Was wankt so oft

Und unverhofft,

Als falscher Männer Sinn?

Du wankest nie!

Und spät und früh

Will ich die Deine sein;

Alt oder neu,

Bin ich dir treu,

Lieb' ewig dich allein!"