Traum der eignen Tage

C. Loewe

Traum der eig'nen Tage,

Die nun ferne sind,

Tochter meiner Tochter,

Du mein süßes Kind,

Nimm, bevor die Müde

Deckt das Leichentuch,

Nimm ins frische Leben

Meinen Segensspruch.

Siehst mich grau von Haaren,

Abgezehrt und bleich,

Bin, wie du, gewesen

Jung und wonnereich,

Liebte, so wie du liebest,

Ward, wie du, auch Braut,

Und auch du wirst altern,

So wie ich ergraut.

Laß die Zeit im Fluge

Wandeln fort und fort,

Nur beständig wahre

Deines Busens Hort;

Hab' ich's einst gesprochen,

Nehm' ich's nicht zurück:

Glück ist nur die Liebe,

Liebe nur ist Glück.

Als ich, den ich liebte,

In das Grab gelegt,

Hab' ich meine Liebe

Treu in mir gehegt;

War mein Herz gebrochen,

Blieb mir fest der Muth,

Und des Alters Asche

Wahrt die heil'ge Gluth.

Nimm, bevor die Müde

Deckt das Leichentuch,

Nimm ins frische Leben

Meinen Segensspruch:

Muß das Herz dir brechen,

Bleibe fest dein Muth,

Sei der Schmerz der Liebe

Dann dein höchstes Gut.