Die Leiche zu St. Just

C. Loewe

Aus Sanct Justi Klosterhallen

tönt ein träges Totenlied,

Glocken summen von den Türmen

für den Mönch, der heut' verschied.

Seht den Toten! Wie von welkem Blute

schlingt ein roter Reif sich um sein Haupt;

ob einst drauf zur Buß ein Dornkranz ruhte!

Nein, die Krone lag auf diesem Haupt!

Die Kapuze zieht ein Mönch

ihm tief jetzt übers Auge zu,

daß die böse Spur der Krone

tief darin verborgen ruh'.

Einst das Scepter hielt sein Armerhoben,

rüttelte gleich dran die halbe Welt;

er hielt fest und fester es nach oben,

wie ein Fels, der eine Tanne hält.

Diese Arme beugt dem Toten

jetzt ein Frater zu Sanct Just,

drückt ein Kreuz darein und beugt sie,

ach so leicht! verschränkt zur Brust.

Wie des Regenbogens Himmelsstiege

glomm der Tag, der ihm das Licht beschied,

Kön'ge schaukelten da seine Wiege,

Königinnen sangen ihm das Lied.

Doch ein Mönchchor singt das Grablied

jetzt in alter Melodei,

wie er singt, ob Grabeslegung

oder Auferstehung sei.

Seht, die Sonne sinkt, die aus den Reichen

dieses Toten nie den Ausgang fand;

dieses Abendrot im Gau der Eichen

ist ein Morgenrot dem Palmenland.

Und die Mönche heiser singen:

Schnöde Welt, o fahre wohl!

Und die Glocken leiser klingen:

Schöne Täler, lebet wohl!

Einmal noch durchs Kirchenfenster

nieder blickt zum Sarg der Sonne mildes Rot,

was sie hier sieht, dort zu künden wieder:

wie der Herrscher beider Welten tot!

Hirt und Hirtin doch im Tale,

wie da Glocke klingt und Lied,

beten still, entblößten Hauptes,

für den frommen Mönch, der schied.