O wie beneid' ich deine Seele
M. de Rothschild
Ich bin dir nah, du ahnst es nimmer,
Am Gitter unten halt' ich Wacht,
Aus deinem Fenster winkt ein Schimmer
Verheißungsreich in meine Nacht;
Und dann und wann auf günst'gen Schwingen
Der Abendluft mir zugeweht,
Hör' ich wie ein entferntes Klingen
Harmonisch durch die Stille geht.
[Sind's deine Finger, die die Saiten
Berühren in geschicktem Spiel,
Die träumend durch die Tasten gleiten,
Gar holde Wandrer ohne Ziel?]
O wie beneid' ich deine Seele,
Daß sie in Tönen reist und ruht
Und in den Klang aus kund'ger Kehle
Ausströmt, was wohl und wehe thut.
Es heißt, ein eigner Himmelsfrieden
Wohnt in Musik, in Sang und Klang,
Und Herzen, die die Welt geschieden,
Und Herzen, die der Gram verschlang,
Sie finden sich und andre wieder,
Wenn sie des Tones Welle wiegt,
Wenn sich die Weise sanfter Lieder
An ihre Wunde tröstlich schmiegt.
Weh, daß ich nur in todten Zeichen,
Und die ich einsam niederschrieb,
In Tönen nicht, die Deinen gleichen,
Dir sagen kann: Ich hab' dich lieb!
Nun mag in jene fernen Stimmen,
Die du erweckt hast am Klavier,
Mein Lied als Echo fern verschwimmen
Als Mahnung und als Gruß von mir.