Neuer Wein

M. Krebs

Der Böller knallt, der Schwärmer pufft,

Es sprühen Feuergarben,

Und Sterne schiessen durch die Luft

In allen sieben Farben.

Der Winzer singt herab vom Stein,

Der Bauer bei den Saaten:

Gediehen ist der weisse Wein,

Der rothe ist gerathen.

Der Nachbar Wirth, drei Zentner schwer,

Springt auf des Kellers Stufen

Gleich einem Eichhorn hin und her

Und prüft Gebind und Kufen.

Doch giesst der Schlingel Wasser drein,

Soll ihn der Teufel braten. --

Gediehen ist der weisse Wein,

Der rothe ist gerathen.

Das Pfäfflein spricht: Die Welt ist schlecht,

Und wankend wird der Glaube,

Drum stärke sich der Kirche Knecht

Mit edlem Saft der Traube.

Er ruft's und seiner Nase Schein

Aufleuchtet wie Granaten. --

Gediehen ist der weisse Wein,

Der rothe ist gerathen.

Wachtmeister seinen Schnurrbart streicht

Und mustert ernst die Fässer.

Die Heldenaugen werden feucht

Dem alten Eisenfresser:

Lieb Vaterland, magst ruhig sein,

Fest stehen wir Soldaten!

Gediehen ist der weisse Wein,

Der rothe ist gerathen.

Gerathen ist der Wein; da lacht

Der Hausknecht, der Magister,

Der Wächter, der die Nacht durchwacht,

Der Kutscher, der Minister

Und was sich plagt Jahr aus Jahr ein

Mit Hammer, Axt und Spaten. --

Gediehen ist der weisse Wein,

Der rothe ist gerathen.

Und jedes Sängers Mund ihn lobt

Und singt zu seiner Ehre.

Frau Parze, bis ich ihn erprobt,

Halt ein mit deiner Schere;

Lass mir das Leben noch gedeih'n

Zu neuen Becherthaten. --

Gediehen ist der weisse Wein,

Der rothe ist gerathen.