Die Judentochter

M. Plüddemann

Durch Mirryland rinnt der Regen,

Und durch Mirryland rinnt der Po,

Und die Mirryland-Knaben beim Ballspiel

Durchrennen es ebenso.

Ausschaute die Judentochter:

"Komm Knab' und speise mit mir!"

""Nicht ohne meine Gespielen

Tret ich ein bei Dir.""

Sie nahm einen rothen Apfel

In ihre weiße Hand; --

Da brach der rothe Apfel

Des Knaben Widerstand.

Sie hatte ein silbernes Messer,

Das trennte gut und schnitt;

Des Knaben Blut und Leben

Trennte sie heut damit.

Erst floß es roth und dunkel.

Dann floß es dünn und hell,

Zuletzt, da floß sein Herzblut, --

Hin sank er auf die Schwell.

Sie hüllte in Blei den Knaben,

"Schlaf fest!" sie leise rief,

Sie trug ihn an den Ziehbrunn,

War fünfzig Faden tief. --

Nun klingen die Abendglocken,

Und die heilige Mess ist aus.

Die Mütter, raschen Sanges,

Tragen den Segen nach Haus.

Sie denken ihrer Kinder,

Und es lächelt ihr Gesicht;

Sie finden ihre Kinder,

Nur Lady Anna nicht.

Sie leget nicht ab de n Mantel,

Ihr Herz ist bang und schwer,

Sie läuft in die Judenvorstadt, --

Wachte da Keiner mehr.

"O sprich, lieb Wilm, mein Süßer,

Wo Deine Mutter Dich find't?"

""Am Ziehbrunn, Lady Anna!""

Klang eine Stimme im Wind.

Lady Anna lief zum Ziehbrunn,

Sie warf zur Erde sich:

"O Du mein Wilm, mein Süßer,

Nur ein einzig Wörtlein sprich."

""Der Brunn ist tief, lieb Mutter,

Und das Blei ist gar so schwer,

Und ein silbern Messer im Herzen, --

Ich kann nicht sprechen mehr.

""Geh heim, geh heim, lieb Mutter,

Kann länger nicht bei Dir stehn,

Über Mirryland weit über

Will ich Dich wiedersehn.""