Frühlingsmythus

M. Vogrich

Wie schauert heute durch die Lüfte

Ein allgewalt'ger Sehnsuchtshauch!

Es dringt bis in die tiefsten Klüfte

Der Sonnenstral durch Dunst und Rauch.

Und drunten hebt sich's ihm entgegen,

Wie er die eisgen Schleier lüpft:

Du spürst es, wie in jungen Schlägen

Das Herz der Erd' erwachend hüpft.

Aus ihrem Busen ringt ein Fächeln,

Wie leises Athmen, sich hervor,

Sie schlägt mit träumerischem Lächeln

Des Wassers blaues Aug' empor.

Da geht aus uralt dunkeln Tagen

Ein Klang durch meine Brust dahin;

Im Räthselwort verschollner Sagen

Vernehm' ich ahnungsvollen Sinn;

Und über's dampfende Gefilde

Sing' ich das Lied als Frühlingsgruß,

Wie einst vom Zauberschlaf Brynhilde

Emporgebebt vor Sigurds Kuß.