Frithjof's Gesang
M. White
Durch Söhne Bele's mag erschallen
Von Thal zu Thal der Ruf ins Feld:
Ich ziehe nicht; in Balders Hallen
Da ist mein Wahlplatz, meine Welt!
Von dort will ich zurück nicht blicken
Aus Königsrach' und Erdensorg',
Nein, Götterlust soll mich entzücken
Vereint mit meiner Ingeborg.
So lang der Sonne Strahlenspiegel
Mit Purpurglanz die Au'n erfüllt,
Wie Rosenflor die Blumenhügel
Von Ing'borgs Busen neidisch hüllt;
So lange hier ich einsam sitze,
Von Sehnsucht aufgezehrt am Strand,
Und zeichne mit des Schwertes Spitze
Den theuren Namen in den Sand.
Wie träg' die müden Stunden gehen,
Was zauderst du, o Dellings Sohn,
Hast du nicht Hain und Berg gesehen,
Wohnt keine Maid in Westens Sälen,
Die deiner harrt mit bangen, Schmerz,
Bereit, dir froh sich zu vermählen
Und dich zu drücken an ihr Herz?
Ha, endlich müde von der Reise,
Sinkst du dem Meere an die Brust,
Und purpurn zieht der Abend leise
Den Vorhang vor der Götter Lust,
Und Liebe flüstert's dort vom Strande,
Und Liebe durch des Haines Pracht:
Mit Perlenschmuck im Brautgewande,
Willkommen, Göttermutter Nacht!
Still geh'n die Sterne, wie auf Zehen
Ein Bräut'gam zu der Braut Gemach!
Durchflieg die Flut mit Sturmeswehen,
Ellid'! Ihr Wellen, dränget nach!
Dort, zu des Gottes grünem Haine,
Zu guten Göttern steur' ich hin;
Der Tempel glänzt im Abendscheine
Mit meiner Liebe Göttin drin.
Wie selig tret' ich an's Gestade,
Dich, Erde, küsse ich entzückt,
Euch, Blumen auch am Waldespfade,
Den ihr mit bunter Pracht geschmückt!
O, Mond! mit deinem Glanze säumest
Du Hain und Tempel, Höh' und Thal,
Wie lächelnd ruhst du dort, und träumest,
Wie Saga ruht im Hochzeitsaal!
Wer lehrte dich des Herzens Lallen,
O Bach, im Kosen mit der Flur?
Wer euch, ihr nord'schen Nachtigallen,
Die Klage meiner Liebe nur?
In Abendpurpur Alfen malen
Auf blauen Grund mir Ing'borgs Bild;
Und Freja kann's nicht überstrahlen,
Drum haucht sie's fort, von Neid erfüllt.
Doch gerne mag das Bild entschweben,
Wie Hoffnung schön naht selbst sie schon,
Treu, wie ein Bild vom Kindheitsleben,
Kommt sie mit meiner Liebe Lohn.
Geliebte, komm und laß dich drücken
An dieses Herz, so liebewarm.
Der Seele Wunsch, du, mein Entzücken,
O komm und ruh in meinem Arm.
Schlank wie die Lilie so voll Fülle,
Wie eine Rose voll erblüht;
Du bist so rein wie Götterwille,
Und doch so warm, wie Freja glüht.
Küß, Holde, mich, o laß durchsprühen
Auch deine Brust der Lieb' Erguß;
Ach! Erd' und Himmelsräume fliehen,
Geliebte, mir bei deinem Kuß.
Heg' keine Furcht, nicht droh'n Gefahren
Zur Wacht hat Björn sich aufgestellt,
Mit Kämpen, gält es uns zu wahren,
Selbst gegen eine ganze Welt.
Und ich, wie ich dich jetzt umschlinge,
Ich kämpfte gern für dich allein!
Wie glücklich ich nach Walhall ginge.
Du würdest mir Walkyre sein!
Was flüsterst du von Balders Grimme?
Er zürnet nicht, der fromme Gott.
Er liebt'; ist nicht des Herzens Stimme,
Nicht unsre Liebe sein Gebot?
Der Gott voll ew'ger, treuer Liebe,
Von dessen Stirn die Sonne scheint;
Glüh'n nicht für Nanna seine Triebe
Rein wie die Liebe, die uns eint?
Dort steht sein Bild, er selbst ist nahe,
Wie hold er auf uns blickt, wie mild!
Als Opfer er ein Herz empfahe,
Ein Herz, das ganz von Lieb' erfüllt.
Beug' auch dein Knie! Nicht schönre Gaben
Wohl böten sich dem Gotte dar,
Als Herzen, die gelobet haben
Sich solche Treu wie seine war,
Vom Himmel mehr, als von der Erde
Stammt meine Lieb'; verschmäh' sie nicht!
Der Himmel war es, der sie nährte,
Drum sehnt sie sich zum Himmelslicht.
O wer doch schon dort oben weilte!
Wer jetzt mit dir, dem Tod geweiht,
Als Sieger zu den Göttern eilte,
Umarmt von seiner bleichen Maid!
Wenn dann die Heldenschaaren eilen
Zum Kampfplatz durch das Silberthor,
Dein Treuer würde bei dir weilen,
Der sich in deinem Blick verlor.
Wenn dann Walhalla's Mädchen bringen
Das Methhorn mit dem goldnen Schaum,
Mit dir allein nur würd' ich klingen,
Von Liebe flüsternd, hörbar kaum.
Und eine Laube an den Fluten
Würd' ich erbaun als Liebesbucht,
Wo sicher wir im Schatten ruhten,
Im Hain mit goldig reifer Frucht,
Und strahlt Walhalla's Sonne nieder,
(Wie klar, wie herrlich ist ihr Schein!)
Dann suchten wir die Götter wieder,
Voll Sehnsucht doch, allein zu sein.
Mit Sternen würd' ich dir bekränzen
Die Stirne und der Locken Gold,
Im Wingolfssaal bei frohen Tänzen
Dich rosig röthen, Lilie, hold;
Bis ich zuletzt vom Tanz dich trüge
Zum Friedenshain, wo Liebe wacht,
Wo Brag' im Silberbarte schlüge
Dein Brautlied neu in jeder Nacht.
Wie singt die Drossel durch die Haine,
Ein Ton ist's von Walhalla's Strand,
Wie glänzt die Flut im Mondenscheine,
Ein Glanz ist's aus der Todten Land.
Und Lied und Lichtglanz sie verkünden,
Die Welt der Liebe, frei von Sorg';
Und diese Welt, sie möcht' ich finden
Mit dir vereint, o Ingeborg.
O weine nicht: noch strömt das Leben
Durch meine Adern; weine nicht!
Doch Lieb' und Männerträume schweben
Gern schwärmend hin zum Himmelslicht.
Ach! Sucht mich nur dein Blick und breiten
Sich deine Arme aus nach mir,
Lockst du von Götterseligkeiten
Den Schwärmer schnell herab zu dir! -- --
"Hör' dort die Lerch'!" Nein, eine Taube
Ist's, girrend süß im Hain vor Lust,
Die Lerche schläft noch in der Laube,
Im Nestchen an des Gatten Brust,
Die Glücklichen, der Morgen bringet
Nicht Trennung ihnen, nicht Gefahr,
Sie lieben frei, zum Himmel schwinget
Sich fröhlich anf das freie Paar.
"Der Morgen graut!" O nein, die Flammen
Der Baake sind's von unsrer Wacht,
Noch kosen traulich wir zusammen,
Noch schwand sie nicht, die theure Nacht,
Verschlaf' dich heut mit deinem Schimmer,
Du Tagesstern, im goldnen Zelt!
Für Frithjof magst du schlafen immer,
Bis Ragnarök, wenn dir's gefällt.
Doch, ach vergeblich ist mein Hoffen,
Es säuselt schon ein Morgenwind!
Schon sind des Ostens Rosen offen
So frisch, wie Ing'borgs Wangen sind,
Beschwingte Sängerschaaren schweben
Zur lichten Wolke zwitschernd hin,
Es flimmern Wogen, rauscht das Leben,
Der Liebende, die Schatten fliehn.
Dort kommt sie selbst in ihrem Glanze.
Vergib, o Sonne, mir mein Flehn!
Es naht ein Gott im Strahlenkranze,
Ich fühl's, wie herrlich, o wie schön!
O! wer wie du so hehr und mächtig
In seinem Morgen zög' herauf,
Und stolz und froh, wie du, so prächtig
In Licht und Sieg vollbrächt' den Lauf!
Was schön im Nord du je gesehen
Hier stell ich vor dein Aug, so mild.
Laß unter deiner Hut sie stehen,
Auf grüner Flur, dein Ebenbild.
Ihr Herz ist wie dein Licht so reine,
Ihr Auge wie dein Himmel klar;
Wie deine Stirn im goldnen Scheine,
Erglänzet hell ihr Lockenhaar. --
Leb wohl, Geliebte! Einst vereinen
Wird eine längre Nacht uns doch;
Noch einen Kuß der Stirne, einen
Auf deine Lippen drück ich noch.
Jetzt schlummre, träum' von mir, erwache
Am Mittag, zähle sehnsuchtsvoll
Die Stunden so wie ich, und fache
Die Liebesglut! leb wohl, leb wohl!