Schlußszene ausFaust

Mahler, Gustav

HEILIGE ANACHORETEN - CHOR UND ECHO

Waldung, sie schwankt heran,

Felsen, sie lasten dran,

Wurzeln, sie klammern an,

Stamm dicht an Stamm hinan.

Woge nach Woge spritzt,

Höhle, die tiefste, schützt.

Löwen, sie schleichen stumm,

Freundlich um uns herum,

Ehren geweihten Ort,

Heiligen Liebeshort.

PATER ECSTATICUS (auf und abschwebend)

Ewiger Wonnebrand,

Glühendes Liebeband,

Siedender Schmerz der Brust,

Schäumende Gotteslust.

Pfeile, durchdringet mich,

Lanzen, bezwinget mich,

Keulen, zerschmettert mich,

Blitze, durchwettert mich!

Daß ja das Nichtige

Alles verflüchtige,

Glänze der Dauerstern,

Ewiger Liebe Kern.

PATER PROFUNDUS (tiefe Region)

Wie Felsenabgrund mir zu Füßen

Auf tiefem Abgrund lastend ruht,

Wie tausend Bäche strahlend fließen

Zum grausen Sturz des Schaums der Flut,

Wie strack mit eignem kräft'gen Triebe,

Der Stamm sich in die Lüfte trägt;

So ist es die allmächt'ge Liebe,

Die Alles bildet, Alles hegt.

Ist um mich her ein wildes Brausen,

Als wogte Wald und Felsengrund!

Und doch stürzt, liebevoll im Sausen,

Die Wasserfülle sich zum Schlund,

Berufen gleich das Tal zu wässern:

Der Blitz, der flammend niederschlug,

Die Atmosphäre zu verbessern,

Die Gift und Dunst im Busen trug,

Sind Liebesboten, sie verkünden,

Was ewig schaffend uns umwallt.

Mein Innres mög' es auch entzünden,

Wo sich der Geist, verworren, kalt,

Verquält in stumpfer Sinne Schranken,

Scharf angeschloss'nem Kettenschmerz.

O Gott! beschwichtige die Gedanken,

Erleuchte mein bedürftig Herz!

ENGEL

(schwebend in der höhern Atmosphäre,

Faustens Unsterbliches tragend)

Gerettet ist das edle Glied

Der Geisterwelt vom Bösen:

Wer immer strebend sich bemüht,

Den können wir erlösen;

Und hat an ihm die Liebe gar

Von oben teilgenommen,

Begegnet ihm die sel'ge Schar

Mit herzlichem Willkommen.

CHOR SELIGER KNABEN

(um die höchsten Gipfel kreisend)

Hände verschlinget euch

Freudig zum Ringverein,

Regt euch und singe

Heil'ge Gefühle drein!

Göttlich belehret,

Dürft ihr vertrauen;

Den ihr verehret,

Werdet ihr schauen.

DIE JÜNGEREN ENGEL

Jene Rosen, aus den Händen

Liebend-heiliger Büßerinnen,

Halten uns den Sieg gewinnen

Und das hohe Werk vollenden,

Diesen Seelenschatz erbeuten.

Böse wichen, als wir streuten,

Teufel flohen, als wir trafen.

Statt gewohnter Höllenstrafen

Fühlten Liebesqual die Geister,

Selbst der alte Satans-Meister

War von spitzer Pein durchdrungen.

Jauchzet auf! Es ist gelungen.

DIE VOLLENDETEREN ENGEL (Chor mit Altsolo)

Uns bieibt ein Erdenrest

Zu tragen peinlich,

Und wär' er von Asbest

Er ist nicht reinlich.

Wenn starke Geisteskraft

Die Elemente

An sich herangerafft,

Kein Engel trennte

Geeinte Zwienatur

Der innigen beiden;

Die ewige Liebe nur

Vermag's zu scheiden.

DIE JÜNGEREN ENGEL

Ich spür' soeben,

Nebelnd um Felsenhöh',

Ein Geisterleben.

Regend sich in der Näh'

Seliger Knaben,

Seh' ich bewegte Schar

Los von der Erde Druck,

Im Kreis gesellt,

Die sich erlaben

Am neuen Lenz und Schmuck

Der obern Welt.

Sei er zum Anbeginn,

Steigendem Vollgewinn

Diesen gesellt!

DIE SELIGEN KNABEN

Freudig empfangen wir

Diesen im Puppenstand;

Also erlangen wir

Englisches Unterpfand.

Löset die Flocken los,

Die ihn umgeben!

Schon ist er schön und groß

Von heiligem Leben.

DOCTOR MARIANUS

(in der höchsten, reinlichsten Zelle)

Hier ist die Aussicht frei,

Der Geist erhoben.

Dort ziehen Frauen vorbei,

Schwebend nach oben,

Die Herrliche mitterin

Im Sternenkranze,

Die Himmelskönignen,

Ich seh's am Glanze,

Höchste Herrscherin der Welt!

Lasse mich im blauen,

Ausgespannten Himmelszelt

Dein Geheimnis schauen!

Bill'ge, was des Mannes Brust

Ernst und zart beweget

Und mit heil'ger Liebeslust

Dir entgegen träget!

Unbezwinglich unser Mut,

Wenn du hehr gebietest;

Plötzlich mildert sich die Glut,

Wenn du uns befriedest.

DOCTOR MARIANUS, CHOR

Jungfrau, rein im schönsten Sinn,

Mutter, Ehren würdig,

Uns erwählte Königin,

Göttern ebenbürtig.

CHOR

Dir, der Unberührbaren,

Ist es nicht benommen,

Daß die leicht Verführbaren

Traulich zu dir kommen.

In die Schwachheit hingerafft,

Sind sie schwer zu retten;

Wer zerreißt aus eig'ner Kraft

Der Gelüste Ketten?

Wie entgleitet schnell der Fuß

Schiefem, glattem Boden!

CHOR DER BÜSSERINNEN (und Una poenitentium)

Du schwebst zu Höhen

Der ewigen Reiche,

Vernimmt das Flehen,

Du Gnadenreiche!

Du Ohnegleiche!

MAGNA PECCATRIX (Luke 7)

Bei der Liebe, die den Füßen

Deines gottverklärten Sohnes

Tränen ließ zum Balsam fließen,

Trotz des Pharisäer-Hohnes:

Beim Gefäße, das so reichlich

Tropfte Wohlgeruch hernieder:

Bei den Locken, die so weichlich

Trockneten die heil'gen Glieder.

MULIER SAMARITANA (John 4)

Bei dem Bronn, zu dem schon weiland

Abram ließ die Herde führen:

Bei dem Eimer, der dem Heiland

Kühl die Lippe durft' berühren:

Bei der reinen, reichen Quelle,

Die nun dorther sich ergießet,

Überflüssig, ewig helle,

Rings durch alle Welten fließet.

MARIA AEGYPTIACA (Acta Sanctorum)

Bei dem hochgeweihten Orte,

Wo den Herrn man niederließ:

Bei dem Arm, der von der Pforte,

Warnend mich zurücke stieß,

Bei der vierzigjähr'gen Buße,

Der ich treu in Wüsten blieb:

Bei dem sel'gen Scheidegruße,

Den im Sand ich niederschrieb.

MAGNA PECCATRIX, MULIER SAMARITANA, MARIA AEGYPTIACA

Die du großen Sünderinnen

Deine Nähe nicht verweigerst,

Und ein büßendes Gewinnen

In die Ewigkeiten steigerst:

Gönn' auch dieser guten Seele,

Die sich einmal nur vergessen,

Die nicht ahnte, daß sie fehle

Dein Verzeihen angemessen!

UNA POENITENTIUM (sonst Gretchen genannt, sich anschmiegend)

Neige, neige,

Du Ohnegleiche,

Du Strahlenreiche,

Dein Antlitz gnadig meinem Glück!

Der früh Geliebte,

Nicht mehr Getrübte,

Er kommt zurück.

DIE SELIGE KNABEN (in Kreisbewegung sich nähernd)

Er überwächst uns schon

An mächt'gen Gliedern,

Wird treuer Pflege Lohn

Reichlich erwidern.

Wir wurden früh entfernt

Von Lebechören;

Doch dieser hat gelernt,

Er wird uns lehren.

UNA POENITENTIUM

Vom edlen Geisterchor umgeben,

Wird sich der Neue kaum gewahr,

Er ahnet kaum das frische Leben,

So gleicht er schon der heil'gen Schar

Sieh, wie er jedem Erdenbande

Der alten Hülle sich entrafft,

Und aus ätherischem Gewande and,

Hervortritt erste Jugendkraft!

Vergönne mir, ihn zu belehren,

Noch blendet ihn der neue Tag!

MATER GLORIOSA

Komm! Hebe dich zu höhern Sphären!

Wenn er dich ahnet, folgt er nach.

DOCTOR MARIANUS UND CHOR (auf dem Angesicht anbetend)

Blicket aut zum Retterblick,

Alle reuig Zarten,

Euch zu sel'gem Glück

Dankend umzuarten!

Werde jeder bess're Sinn

Dir zum Dienst erbötig;

Jungfrau, Mutter, Königin,

Göttin, bleibe gnädig!

CHORUS MYSTICUS:

Alles Vergängliche

Ist nur ein Gleichnis;

Das Unzulängliche,

Hier wird's Ereignis;

Das Unbeschreibliche,

Hier ist's getan;

Das Ewig-Weibliche

Zieht uns hinan.